Der Konflikt führt eine alte Realität vor Augen: Das moderne Leben hängt nach wie vor am Öl. Heizung, Transport, Kunststoffe, Düngemittel, Metalle, Rechenzentren, Lieferketten, Serverfarmen, Flughäfen, Vorstädte, Konsum, Schifffahrt – all das ist stärker, als viele wahrhaben wollen, von einem stetigen Strom fossiler Brennstoffe abhängig.
Umso problematischer ist es, dass der Ölpreis erstmals seit 2022 wieder über die Marke von 100 Dollar je Barrel gestiegen ist. Brent näherte sich zeitweise sogar der Schwelle von 120 Dollar, bevor sich die Preise etwas beruhigten. Eine mögliche koordinierte Freigabe strategischer Ölreserven durch die G7-Staaten und die Internationale Energieagentur sorgte für eine leichte Beruhigung am Markt. Auch Saudi Aramco bot kurzfristige Rohöllieferungen über seltene Sonderausschreibungen an.
Die Straße von Hormus bleibt faktisch geschlossen, der Schiffsverkehr ist weitgehend lahmgelegt, und Produzenten am Golf beginnen ihre Förderung zu drosseln, nachdem Anlagen unter Beschuss geraten sind. Einige Analysten sind der Ansicht, dass die Märkte die Größenordnung dieses Schocks bislang erstaunlich gelassen aufnehmen.
An den Börsen breiten sich die Auswirkungen bereits aus. Reise- und Tourismuswerte gerieten erneut unter Druck. Alaska Air, United, Carnival, Norwegian und American Airlines standen allesamt unter Abgabedruck. Auch große Banken verloren an Boden, darunter JPMorgan, Citigroup und Bank of America. Nvidia gab nach, da befürchtet wird, der Konflikt könnte Teile der Halbleiter-Lieferkette stören. Rüstungswerte entwickelten sich uneinheitlich, nachdem Donald Trump erklärt hatte, große US-Rüstungskonzerne hätten zugesagt, die Munitionsproduktion zu erhöhen. Energieaktien hingegen legten erwartungsgemäß zu: APA, Devon, Diamondback, New Fortress und Occidental verbuchten Kursgewinne.
Die Sorge, die sich an den Märkten ausbreitet, geht über reine Inflation hinaus. Es geht um Stagflation – jene ungünstige Kombination aus steigenden Preisen und schwächerem Wachstum. Die jüngsten US-Arbeitsmarktdaten verstärkten diese Befürchtung. Im Februar sank die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft um 92.000, während Ökonomen mit einem Anstieg um 55.000 gerechnet hatten. Ein Teil dieser Abweichung lässt sich durch Wettereffekte und Streiks erklären. Aber eben nur ein Teil. Der übergeordnete Trend deutet auf einen Arbeitsmarkt hin, der an Dynamik verliert.
Auch die Angst vor erneuten Zinserhöhungen ist zurückgekehrt. Die Danske Bank geht jedoch davon aus, dass die großen Zentralbanken kaum mit Zinserhöhungen reagieren werden – und dies vermutlich auch nicht sollten. Die längerfristigen Inflationserwartungen bleiben vorerst stabil verankert.
Gerade deshalb ist die kommende Woche so entscheidend. Der Inflationsbericht zum Verbraucherpreisindex (CPI) am Mittwoch wird weit über das übliche Maß hinaus analysiert werden. Sollte die Inflation nur moderat höher ausfallen, könnten Anleger argumentieren, dass die Daten noch eine Welt widerspiegeln, in der der aktuelle Konflikt die Energiemärkte noch nicht vollständig erreicht hatte. Fallen die Zahlen hingegen deutlich stärker aus, dürften die Sorgen vor einem neuen Inflationszyklus rasch zunehmen. Aus demselben Grund wird auch der PCE-Wert am Freitag große Beachtung finden. Die Fed dürfte in der kommenden Woche die Zinsen unverändert lassen. Entscheidend ist weniger ihre unmittelbare Entscheidung als vielmehr die Frage, ob der Spielraum für spätere Zinssenkungen allmählich verschwindet.
Die Ernennung von Mojtaba Khamenei zum obersten Führer Irans nach dem Tod von Ali Khamenei wurde weithin als Signal für Kontinuität des Regimes und eine harte politische Linie interpretiert. Am Wochenende weitete sich der Krieg weiter aus. Israel griff Treibstoffdepots in der Nähe von Teheran an. Eine iranische Drohne zielte auf eine Entsalzungsanlage in Bahrain. Bislang reagieren die Regierungen der Golfstaaten vorsichtig: Sie versuchen, sich zu verteidigen, ohne direkt in einen größeren Krieg hineingezogen zu werden.
Die zentrale Frage lautet nun: Wie lange kann Iran amerikanische und israelische Angriffe absorbieren? Wie lange können die Vereinigten Staaten ihre regionalen Verbündeten schützen? Und wie lange können die Produzenten am Golf Angriffe auf ihre Infrastruktur ertragen, ohne dass es zu einer direkten Eskalation kommt?
Außerhalb der Vereinigten Staaten ist das Bild kaum weniger düster. Die asiatischen Märkte traf es heute zuerst: Japan verlor mehr als 5 %, Südkorea 6 %, Taiwan 4,4 %, Indien 2,4 %, Australien 2,8 %, Hongkong 1,8 %, und das chinesische Festland gab um rund 1 % nach. Europa notiert ebenfalls im Minus, wenn auch weniger stark. Gleichzeitig ist der Kontinent stärker vom Energieschock betroffen als die Vereinigten Staaten. In der vergangenen Woche gab die Wall Street nach, allerdings nicht dramatisch: Der S&P 500 verlor rund 2 %. Die wichtigsten europäischen Indizes hingegen fielen eher um 6 bis 7 %.
Auch andere Marktsegmente senden ähnliche Signale. Der Dollar hat sich angesichts wachsender Risikoaversion und schwindender Hoffnungen auf Zinssenkungen der Fed aufgewertet. US-Staatsanleihen wurden verkauft, da der Schock weniger als reine Wachstumssorge denn als inflationärer Impuls interpretiert wird. Gold geriet unter Druck durch Deleveraging und den stärkeren Dollar. Agrarrohstoffe legten zu, wobei Weizen ein Zweijahreshoch erreichte. Eisenerz stieg im Zuge von Erwartungen an chinesische Unterstützungsmaßnahmen für den Stahlsektor. Lithium hingegen gab nach, nachdem Prognosen für Batteriespeicher im Nahen Osten und die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen nach unten revidiert wurden.
Ölpreis treibt Anleger in Deckung – Dax rutscht auf Zehnmonatstief
Die Sorge vor einer Eskalation im Nahen Osten hat den deutschen Aktienmarkt zum Wochenstart belastet. Der Dax fiel im frühen Handel auf ein Zehnmonatstief, nachdem steigende Ölpreise die Nervosität der Anleger verstärkten. Im Verlauf des Vormittags ließ der Druck im Zuge der Diskussion über die Freigabe strategischer Ölreserven etwas nach. Das anfängliche Minus von bis zu 2,8 Prozent schrumpfte dadurch. Zuletzt lag der Leitindex noch 1,46 Prozent im Minus bei 23.247 Punkten. Der MDax verlor 2,4 Prozent auf 28.766 Zähler, der EuroStoxx 50 gab rund zwei Prozent nach.
Besonders stark gerieten Technologie- und Bankwerte unter Druck, deren Branchenindizes jeweils mehr als drei Prozent einbüßten. Auch die europäischen Fluggesellschaften litten unter der Aussicht steigender Treibstoffkosten: Air France, Lufthansa und IAG verloren zwischen gut vier und fast fünf Prozent. Im Dax zählten Continental, MTU, Siemens Energy und Airbus mit Abschlägen von über drei bis mehr als vier Prozent zu den größten Verlierern. Dagegen waren Ölkonzerne wie BP und Shell gefragt. Im Rüstungssektor konnten sich einige Titel gegen den Trend stemmen – Rheinmetall legte etwa zwei Prozent zu, Hensoldt sogar 5,6 Prozent nach einer Kaufempfehlung von Jefferies.
Neben den Kursschwankungen an den Energiemärkten rückten mehrere Unternehmensmeldungen in den Fokus. Der U-Boot-Zulieferer Gabler feierte ein starkes Börsendebüt: Die Aktie startete mit 47,20 Euro über dem Ausgabepreis von 44 Euro und kostete zuletzt 47,60 Euro. Gea Group bestätigte mit ihren Zahlen die bereits veröffentlichten Eckdaten; die Margenprognose wurde von Analysten leicht positiv bewertet. Zudem kam es zu Änderungen in der Dax-Indexfamilie: Schaeffler steigt in den MDax auf, Einhell in den SDax. Hintergrund ist, dass Deutsche Wohnen wegen zu geringen Streubesitzes die Anforderungen für den MDax nicht mehr erfüllt.

















