Applied Materials gliedert sein Geschäft in zwei Hauptsegmente: Semi Systems, das die eigentlichen Fertigungsanlagen umfasst, und AGS (Applied Global Services) – ein wachsender Bereich für Services, Wartung, Ersatzteile und Anlagenoptimierung.
Dieses strategische Dualmodell federt die zyklischen Investitionsphasen der Kunden ab. Wenn Foundries – wie aktuell – ihre Bestellungen für neue Anlagen drosseln, sorgen die AGS-Dienstleistungen für stabile, wiederkehrende Einnahmen. Für 2026 erwartet das Unternehmen ein Wachstum im niedrigen zweistelligen Prozentbereich in diesem Segment – ein entscheidender Puffer gegen temporäre Schwäche bei Semi Systems. Diese Dynamik ist keineswegs marginal: Sie trägt direkt zur Cashflow-Stabilität bei, einem zentralen Faktor bei der langfristigen Bewertung von Ausrüstern.
Die jüngsten Quartalszahlen belegen diese Komplementarität: Während der Bereich Semi Systems sequenziell um 12 % zurückging – vor allem wegen eines Rückgangs der Verkäufe in China um 30–35 % –, konnte AGS leicht zulegen. Mit einer Non-GAAP-Bruttomarge von 48,1 % und einem EPS von 2,17 US-Dollar übertraf Applied Materials die Erwartungen und bewies einmal mehr seine Resilienz in einer Phase des Nach-Booms.
Kurzfristig flau – mittelfristig vor dem nächsten Superzyklus
Für die nächsten drei Quartale rechnet das Unternehmen mit anhaltender Schwäche – im Einklang mit dem globalen Konsens unter Ausrüstern. Das WFE-Volumen (Wafer Fab Equipment) dürfte zwischen dem Q4 2025 und Q2 2026 auf moderatem Niveau bleiben, nicht wegen mangelnder Kapazitäten oder strategischer Zurückhaltung der Kunden, sondern infolge verzögerter Installationspläne.
Die Expansionspläne der großen Akteure stützen diese Einschätzung:
Micron erwartet erste Auslieferungen für Boise erst im 1. Halbjahr 2027.
SK Hynix und Samsung beschleunigen ihre DRAM-Investitionen ab Ende 2025, mit Hochlauf ab Ende 2026.
TSMC sieht 2025–2026 einen stabilen Investitionshöhepunkt bei 2-nm-Tools, mit Fokusverlagerung auf Arizona (3 nm) und das Pilotprojekt A14.
Intel und Samsung Foundry senden noch keine klaren Signale einer Erholung vor H2 2026.
Applied Materials prognostiziert daher ein flaches erstes Halbjahr im Geschäftsjahr 2026, gefolgt von einer explosiven zweiten Jahreshälfte. Auf Gesamtjahresbasis ergibt sich daraus ein Wachstum von rund 5 %, etwas unter dem erwarteten +10 % des WFE-Markts.
Dieses leichte Hinterherhinken ist kein strukturelles Manko, sondern spiegelt lediglich die verzögerte Normalisierung des adressierten Technologiemix wider. Entscheidend ist, dass im zweiten Halbjahr 2026 eine grundlegende Trendwende zu erwarten ist.
Die strukturellen Treiber
Applied Materials ist strategisch stark in jenen Technologien positioniert, die das kommende Jahrzehnt prägen werden:
GAA (Gate-All-Around): Unverzichtbar ab 2-nm-Knoten, massiv investitionsintensiv. Applied liefert zentrale Depositions- und Ätztechnologien für TSMC, Samsung und Intel.
Hybrid Bonding: Herzstück des 3D-Packaging und Voraussetzung für leistungsstarke HBM-Speicher (High Bandwidth Memory). Technologiewechsel von HBM3e zu HBM4 und HBM4e erfordern spezialisierte Anlagen – ein Gebiet, auf dem Applied Materials führend ist.
Backside Power Delivery: Architektonischer Durchbruch zur Energieeffizienzsteigerung fortschrittlicher Chips – ein Wachstumsfeld bei 3-nm- und 2-nm-Knoten, das die Exponierung von Applied Materials verstärkt.
Diese Technologien stehen unmittelbar vor einem Investitionshochlauf ab H2 2026, womit Applied Materials zu den strukturellen Profiteuren des kommenden Zyklus zählt.
Die weltweiten Investitionen in Wafer-Produktion sollen 2026 um über 20 % steigen (UBS: 136,5 Mrd. USD, gefolgt von 145 Mrd. USD in 2027), wobei mehr als die Hälfte dieses Wachstums aus dem DRAM-Segment stammt – hier ist Applied Materials weltweit die Nr. 2 nach ASML.
Der China-Faktor
China war lange eine Belastung – insbesondere für Semi Systems. Die Normalisierung 2024/25 führte zu einem deutlichen Rückgang des vorteilhaften Produktmix. Doch diese Phase scheint nun vorbei.
Applied Materials geht davon aus, dass der China-Anteil am Umsatz wieder auf ein normales Niveau um 25 % zurückkehren wird – vergleichbar mit den Jahren vor dem Boom.
Ein entscheidender Punkt ist die Aussetzung der Affiliate-Regelungen im Exportrecht, wodurch sich 2026 zusätzliche 600 Millionen USD Umsatz realisieren lassen – ein bedeutender Hebel in einem moderaten Wachstumsumfeld.
China wirkt somit nicht länger als struktureller Bremsklotz, sondern wird zunehmend zu einem Stabilisator, der die globale Erholung zusätzlich stützt – ein Paradigmenwechsel für das Investmentnarrativ.
Finanzprofil in der Verbesserung
Trotz eines Rückgangs der Semi-Umsätze in China um 30–35 % sequenziell konnte das Unternehmen die Bruttomarge bei 48 % halten – gestützt durch konsequentes Kostenmanagement und Preisdurchsetzung.
Für das Januarquartal rechnet Applied Materials mit einer leicht verbesserten Bruttomarge von 48,4 %, ein Niveau, das sich bis ins erste Halbjahr 2026 halten soll. Dies bestätigt eine strukturelle Trendwende: steigende Profitabilität trotz ungünstigem Produktmix – ein starkes Signal für eine mögliche Neubewertung der Aktie.
Gleichzeitig geht das Servicegeschäft AGS mit solidem Momentum ins Jahr 2026. Erwartet wird ein Wachstum im niedrigen zweistelligen Bereich, was die Visibilität der Cashflows erhöht und Investitionen ohne Margendruck ermöglicht.
Bewertung noch attraktiv
Das bullische Szenario basiert auf der These, dass Applied Materials Marktanteile hinzugewinnt und der Markt die chinesische Nachfrage 2026 deutlich unterschätzt. Das eröffnet Potenzial für Gewinnrevisionen nach oben und übertroffene Unternehmensziele.
Der Halbleitermarkt wird derzeit von disruptiven Technologien neu geformt: HBM, 2-nm-Knoten, GAA, 3D-Packaging, Backside Power. Jede dieser Innovationen erfordert extrem spezialisierte Fertigungsanlagen – und Applied Materials steht genau an diesem Schnittpunkt. Die Aktie könnte derzeit nicht vollständig widerspiegeln, was sich in den Fundamentaldaten bereits abzeichnet: eine strukturelle Beschleunigung ab 2026–2027.



















