Der Iran-Konflikt: ein Segen für Russlands Energieexporte
Zu Beginn des Jahres 2026 wirkte die wirtschaftliche Lage Russlands noch besorgniserregend. Im Januar verzeichneten die russischen Energieexporte ihre schwächsten Ergebnisse seit 2020. Während Kohlenwasserstoffe 2021 noch rund 45 % der russischen Staatseinnahmen ausmachten, lag ihr Anteil 2025 nur noch bei etwa 20 %. Dutzende, möglicherweise sogar Hunderte Millionen Barrel russischen Öls lagen auf Tankern fest, wurden auf dem Schwarzmarkt zu Schleuderpreisen verkauft oder warteten auf Käufer – ein Umstand, der die Preise belastete und die Finanzierung des Krieges in der Ukraine erschwerte.
Mit dem Ausbruch der Feindseligkeiten im Nahen Osten Ende Februar 2026 änderte sich die Lage schlagartig. Die amerikanischen und israelischen Angriffe auf Iran sowie die Gegenmaßnahmen Teherans – darunter die Blockade der Straße von Hormus und Angriffe auf Raffinerien – verknappten das weltweite Ölangebot innerhalb kürzester Zeit. Innerhalb weniger Tage schossen die Preise nach oben.

Der starke Anstieg des Brent-Preises seit dem 28. Februar kam Russland jedoch unmittelbar zugute. Als drittgrößter Exporteur von Öl und Gas gehört Moskau weiterhin zu den wenigen Ländern, die große Mengen an Energie liefern können – dank umfangreicher Reserven und bestehender Infrastruktur. Da Lieferungen aus dem Nahen Osten ausfallen, wenden sich asiatische Abnehmer wie Indien, China oder Japan verstärkt dem russischen Öl zu, das bislang mit deutlichem Abschlag verkauft wurde.
Vor Beginn des Iran-Konflikts wurde ein Barrel Ural-Rohöl mit einem Abschlag von etwa 10 bis 13 US-Dollar gegenüber Brent gehandelt. Inzwischen notiert es mit einer Prämie von rund 5 bis 10 US-Dollar über dem Referenzpreis. Innerhalb einer Woche hat sich der Preis für Ural-Rohöl nahezu verdoppelt – von etwa 56 US-Dollar auf über 100 US-Dollar pro Barrel.

Trading Economics
Ein weiterer Faktor: Das US-Finanzministerium gewährte indischen Raffinerien eine 30-tägige Ausnahmegenehmigung, um weiterhin russisches Öl zu importieren, das zuvor blockiert war. Diese Entscheidung ist politisch bedeutsam, denn sie signalisiert eine Lockerung eines zentralen Elements der Sanktionen gegen Moskau, um die internationalen Energiemärkte zu stabilisieren.
Zur Erinnerung: Im vergangenen August hatte Donald Trump auf indische Importe russischen Öls einen zusätzlichen Zoll von 25 % erhoben, mit der Begründung, dass diese Käufe das Sanktionsregime untergraben würden, das Russland zu Verhandlungen über den Ukrainekrieg zwingen sollte.
Parallel dazu verlängerte der US-Kongress eine Sonderlizenz für den russischen Ölkonzern Rosneft auf unbestimmte Zeit. Rosneft gehört zu den größten Ölunternehmen der Welt und ist das wichtigste staatlich kontrollierte Energieunternehmen Russlands. Die deutsche Rosneft-Tochter, die seit 2022 unter staatlicher Aufsicht Berlins steht, erhält nun eine dauerhafte Ausnahme von den US-Sanktionen.
Diese politische Entscheidung – die auf den Besuch des deutschen Bundeskanzlers in Washington folgte – soll die Versorgung der deutschen Raffinerien sichern, darunter die Anlage in Schwedt, die Berlin beliefert. Anders gesagt: Die ursprünglich geplante harte Bestrafung des russischen Energiesektors wurde stillschweigend verschoben, um Verbündete zu entlasten und die Stabilität der Energieversorgung zu gewährleisten.
Diese diplomatische Kehrtwende der USA – zeitlich parallel zu den militärischen Operationen im Nahen Osten – ermöglicht es Russland, Marktanteile zurückzugewinnen. Das russische Öl wird inzwischen mit deutlich geringeren Abschlägen oder sogar mit Aufschlägen auf den asiatischen Märkten verkauft.
Darüber hinaus kann Wladimir Putin Europa erneut mit einem vorzeitigen Stopp der Gaslieferungen drohen. Brüssel plant ein vollständiges Verbot russischer Gasimporte erst für das Jahr 2027. Einige Länder sichern sich daher weiterhin Versorgung. Die Slowakei etwa hat ihren Gasvertrag mit Gazprom angepasst, um ihre Lieferungen bis zum Ende aufrechtzuerhalten und gleichzeitig ihre Beziehungen zu asiatischen Partnern neu auszurichten.
All diese Entwicklungen verschaffen der russischen Wirtschaft kurzfristig neuen finanziellen Spielraum.
Geopolitische Folgen: von der Ukraine bis China
Über die wirtschaftlichen Effekte hinaus stärkt der Konflikt Russland indirekt auch geopolitisch. Die militärische Unterstützung des Westens für die Ukraine gerät unter Druck, da sich die Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten und Europas zunehmend auf die Krise im Iran richtet.
Die USA haben aufgrund begrenzter Bestände Patriot-Raketen Teile ihres Luftabwehrsystems in den Golf verlegt, wodurch die Ukraine noch stärker unter einem Mangel an Luftverteidigung leidet. Wie der EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius erklärte, „werden die Amerikaner nicht in der Lage sein, ausreichend dieser Raketen für die Golfstaaten, ihre eigenen Streitkräfte und die Ukraine bereitzustellen“.
Für China sind die Folgen ambivalenter. Auch Peking leidet unter den globalen Störungen – etwa durch eine geringere Gasproduktion in Katar und steigende Energiepreise. Gleichzeitig kann China jedoch ebenfalls Vorteile aus dem Chaos ziehen.
Die Krise bestätigt die chinesische Sicht auf eine zunehmend instabile Weltordnung und stärkt Pekings Bestreben, seine Energieversorgung abzusichern. Zugleich nähren die Interventionen der USA – sowohl im Iran als auch in Venezuela – in Peking die Vorstellung, dass Großmächte weiterhin ihre unmittelbare Umgebung entsprechend ihren strategischen Interessen neu ordnen.
In diesem Kontext fällt es China leichter, seine Ambitionen gegenüber Taiwan als logische Erweiterung seiner eigenen Machtpolitik darzustellen, während es offiziell weiterhin von „nationaler Wiedervereinigung“ spricht.
Für Präsident Xi Jinping geht es dabei um weit mehr als Symbolpolitik. Taiwan beherbergt mit TSMC einen zentralen Pfeiler der globalen Halbleiterindustrie – ein Schlüsselunternehmen für die technologischen Lieferketten der westlichen Welt. Eine Kontrolle über diesen Industrieknotenpunkt würde China nicht nur einen territorialen Erfolg verschaffen, sondern auch einen enormen industriellen und strategischen Hebel gegenüber den Vereinigten Staaten und Europa.
Kurzfristig kann Moskau seine Einnahmen steigern und gleichzeitig seine geopolitischen Hebel im Energiesektor einsetzen. Ob diese Entwicklung von Dauer sein wird, bleibt jedoch offen. Die Ölpreise könnten wieder sinken, falls sich der Konflikt beruhigt oder andere Produzenten ihre Förderung erhöhen beziehungsweise strategische Reserven freigegeben werden.
Auch die langfristige Unterstützung für den russischen Staatshaushalt hängt von der Entwicklung der globalen Nachfrage ab. Für Europa und die Vereinigten Staaten stellt sich die Lage jedenfalls schwieriger dar: Der Wettbewerb auf den Energiemärkten dürfte sich verschärfen, während Russland weiterhin davon profitiert, wenn geopolitische Instabilität die globalen Märkte erschüttert.
Der transatlantische Block musste sich unter dem Druck der Ereignisse anpassen – etwa durch die Lockerung von Sanktionen, um Berlin zu entlasten oder Neu-Delhi zu unterstützen. Die aktuelle Krise zeigt damit deutlich, dass es nicht mehr möglich ist, Russland „um jeden Preis“ wirtschaftlich zu schwächen, ohne zugleich die Stabilität der globalen Energiemärkte zu gefährden.

























