Der Markt betrachtet den Energieschock zwar als ernstzunehmend, aber nicht als gravierend genug, um den KI-Boom zu stoppen. Das deutlichste Beispiel liefert heute Hewlett Packard Enterprise. Die Aktie schoss nach der Vorlage von Geschäftszahlen nach oben, die Anlegern genau das lieferten, worauf sie gehofft hatten: den Beweis, dass der Boom bei KI-Infrastrukturen nicht allein eine Geschichte von Chipherstellern mit astronomischen Bewertungen ist. HPE zog seine langfristigen Finanzziele um zwei Jahre vor und wird plötzlich nicht mehr als unscheinbarer Anbieter von Unternehmens-IT betrachtet, sondern als direkter Profiteur des nächsten industriellen Zyklus.

Auch Dell und Super Micro Computer legten zu, getragen von derselben Logik. Wer Hardware für Rechenzentren liefert, gilt an der Börse wieder als relevant. Jahrelang bevorzugten Investoren Softwareunternehmen mit geringem Kapitalbedarf und hohen Margen. Nun erleben physische Infrastruktur und Hardware eine bemerkenswerte Renaissance – sehr zur stillen Freude vieler Serverraum-Betreiber.

Alphabet verdeutlichte derweil erneut die Dimensionen des Wettlaufs. Das Unternehmen prüft Eigenkapitalmaßnahmen im Umfang von 80 Mrd. US-Dollar, an denen Berkshire Hathaway beteiligt sein soll, um den Ausbau seiner KI-Infrastruktur zu finanzieren. Die Aktie gab leicht nach, was wenig überrascht. Anleger schätzen ambitionierte Pläne – noch lieber sehen sie allerdings, wenn jemand anderes die Rechnung bezahlt. Entscheidend ist jedoch die Größenordnung. Im KI-Wettbewerb geht es längst nicht mehr um beeindruckende Demonstrationen oder vage Zukunftsversprechen. Es geht um Investitionsausgaben in einer Dimension, die selbst die größten Konzerne klein erscheinen lässt, als würden sie den Planeten neu gestalten.

Nvidia bleibt dabei die zentrale Gravitationskraft des Marktes. Die Aktie sprang bereits am Montag an, nachdem der Konzern einen neuen Prozessor vorgestellt hatte, der KI-Funktionen auf Personal Computer bringen soll. Marvell Technology legte anschließend kräftig zu, nachdem Nvidia-Chef Jensen Huang das Unternehmen als künftigen Konzern mit einer Marktbewertung von 1.000 Mrd. US-Dollar bezeichnet hatte. Rückenwind erhielt diese Einschätzung zusätzlich durch Nvidias frühere Investition von 2 Mrd. US-Dollar in Marvell.

Das Ergebnis ist ein Aktienmarkt, der an der Oberfläche robust wirkt, darunter jedoch erstaunlich eng aufgestellt ist. Kapital fließt weiterhin in Unternehmen, die mit KI-Chips, Servern, Speicherlösungen, Rechenzentren und der dafür notwendigen Infrastruktur verbunden sind. Samsung Electronics nähert sich einer Marktkapitalisierung von 1.500 Mrd. US-Dollar und rückt damit in die Spitzengruppe der wertvollsten Unternehmen der Welt auf – nicht zuletzt dank seiner Position bei KI-relevanten Speicherchips. Anthropic, ein Wettbewerber von OpenAI, wurde in seiner jüngsten Finanzierungsrunde mit 965 Mrd. US-Dollar bewertet und hat bereits erste Unterlagen für einen Börsengang eingereicht. Das sind keine Nebengeräusche. Es ist die Art und Weise, wie der Markt signalisiert, dass künstliche Intelligenz längst kein einzelner Sektor mehr ist, sondern zum ordnenden Prinzip der Aktienanlage wird.

Unternehmen außerhalb der KI-Lieferkette müssen deutlich härter um Aufmerksamkeit kämpfen. Ein solides Geschäftsupdate ist gut, ordentliche Margen sind respektabel. Doch wer nicht glaubwürdig das Wort „Rechenzentrum“ in einem Satz unterbringen kann, riskiert, bei Anlegern kaum eine Reaktion hervorzurufen. Microchip Technology legte nach einem optimistischen Ausblick für das Rechenzentrumsgeschäft zu. Philip Morris hingegen geriet unter Druck, nachdem der Konzern seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr gesenkt hatte. Der Kontrast hätte kaum deutlicher ausfallen können.

Im Nahen Osten haben Hoffnungen auf eine Einigung zwischen den USA und dem Iran sowie auf eine Wiederöffnung der Straße von Hormus die Stimmung gestützt. Die Nachrichtenlage bleibt allerdings widersprüchlich. Der Libanon verkündete eine teilweise Waffenruhe zwischen der Hisbollah und Israel, während Berichte weiterhin von Kampfhandlungen sprechen. Der Iran erklärte, die Gespräche mit den Vereinigten Staaten wegen der Gewalt im Libanon auszusetzen. Donald Trump wiederum betonte, die Verhandlungen mit Teheran kämen rasch voran. Die Investoren sind bislang bereit, an Fortschritte zu glauben, erhalten jedoch kein klares Bild der Lage.

Nun richtet sich der Blick auf den JOLTS-Bericht zu den offenen Stellen in den USA für April. Erwartet werden rund 6,866 Mio. offene Stellen. Noch wichtiger dürfte jedoch der Arbeitsmarktbericht am Freitag werden. Zudem wird die Präsidentin der Federal Reserve Bank of Cleveland, Beth Hammack, sprechen. Anleger werden ihre Aussagen auf Hinweise zum künftigen Zinskurs abklopfen. An den Geldmärkten sind Zinssenkungen für 2026 inzwischen nahezu vollständig ausgepreist. Stattdessen steigen die Erwartungen, dass bei anhaltendem Inflationsdruck letztlich sogar wieder Zinserhöhungen notwendig werden könnten.

Dax erholt sich – KI-Euphorie treibt Infineon auf Rekordhoch, Bayer unter Druck

Der deutsche Aktienmarkt hat sich am Dienstag deutlich von den Verlusten des Wochenauftakts erholt. Rückenwind lieferten erneut die US-Börsen, wo die großen Indizes weitere Rekordstände erreichten. Der Dax legte am Nachmittag um 0,7 % auf 25.185 Punkte zu und näherte sich damit wieder seinem Rekordniveau. Auch der MDax gewann 0,4 % auf 33.038 Zähler. Der EuroStoxx 50 stieg sogar um 1,0 %. Im Mittelpunkt des Handels standen erneut Technologie- und KI-Werte, die europaweit von der anhaltenden Begeisterung rund um Künstliche Intelligenz und den Ausbau von Rechenzentren profitierten.

Besonders gefragt waren die Aktien von Infineon, die ihre von KI-Hoffnungen getriebene Rally mit einem Plus von 6,8 % fortsetzten. Die Titel erreichten damit den höchsten Stand seit dem Jahr 2000 und summieren ihren Kursgewinn seit Jahresbeginn inzwischen auf rund 127 %. Die Kauflaune erfasste die gesamte europäische Halbleiterbranche. Prosus verteuerten sich um 8,9 %, STMicroelectronics gewannen 10,2 %, während ASML und BE Semiconductor um bis zu 2,2 % zulegten. Auch Unternehmen, die vom Boom der Rechenzentren profitieren, standen hoch im Kurs: Schneider Electric und Siemens gewannen bis zu 2,9 %, während der Waferhersteller Siltronic um 4,6 % anzog.

Zu den größten Verlierern im Dax gehörte dagegen Bayer. Die Aktien des Leverkusener Konzerns fielen um 4,7 % auf den tiefsten Stand seit Anfang Dezember. Händler verwiesen auf wachsende Unsicherheit im Zusammenhang mit den Glyphosat-Rechtsstreitigkeiten in den USA. Hintergrund ist ein Wechsel der gerichtlichen Zuständigkeit von Missouri nach Kalifornien. Dort liegt der Fall nun bei Bundesrichter Vince Chhabria, der sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch zur Vergleichsstrategie von Bayer geäußert hatte. Die Sorge vor möglichen Rückschlägen in dem langjährigen Rechtsstreit belastete die Aktie deutlich.

Im Bankensektor rückte die Commerzbank in den Fokus. Nach Angaben aus Insiderkreisen hat die italienische Unicredit mit ihrer Übernahmeofferte die wichtige Beteiligungsschwelle von 30 % überschritten. Die Commerzbank-Aktie reagierte mit einem Kursplus von 1,3 %. Durch die freiwillige Offerte kann die Unicredit die Beteiligung ausbauen, ohne ein deutlich teureres Pflichtangebot für sämtliche Commerzbank-Aktien vorlegen zu müssen. Weniger spektakulär fiel die Reaktion bei K+S aus. Die Aktien stiegen lediglich um 0,7 %, nachdem der Salz- und Düngemittelhersteller den Kauf des Salzgeschäfts der polnischen Qemetica angekündigt hatte. Der Kaufpreis soll abhängig vom Geschäftsverlauf 2026 und 2027 zwischen 350 und 380 Millionen Euro liegen.

Starke Impulse gab es zudem in der zweiten und dritten Börsenreihe. Salzgitter kletterten nach einer Hochstufung durch Morgan Stanley um 3,8 % auf den höchsten Stand seit mehr als 16 Jahren. Die Analysten sehen weiterhin konservative Unternehmensziele und erwarten eine zunehmende Gewinndynamik bis 2027. Die DHL Group gewann nach einer Kaufempfehlung von Kepler Cheuvreux 3,0 % und erreichte ein Vierjahreshoch. Im SDax rückte Alzchem mit einem Plus von 4,7 % und dem höchsten Kursstand seit 2017 in den Mittelpunkt. Der tschechische Rüstungskonzern CSG hat seinen Anteil auf insgesamt 20,1 % ausgebaut.

Währenddessen gerieten Rüstungswerte europaweit unter Druck. Hoffnungen auf eine Entspannung geopolitischer Konflikte belasteten die Branche: CSG verloren 4,1 %, Saab und Kongsberg bis zu 3,1 %. In Deutschland fielen Renk um 3,9 %, Rheinmetall um 2,2 % und Hensoldt um 2,7 %.