Die Europäische Zentralbank tritt am Donnerstag zusammen, während Händler darauf wetten, dass die steigenden Ölpreise sie bereits in diesem Jahr zu Zinserhöhungen zwingen könnten.

Der Krieg im Nahen Osten hat die Angst vor einem energiegetriebenen Inflationsschock neu entfacht, während die Erinnerungen an die Krise von 2022 nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine noch frisch sind.

Aufgeschreckt aus der vermeintlich komfortablen Lage, in der sich die Währungshüter noch vor wenigen Wochen wähnten, liegt der Ausblick der EZB nun „in den Händen von Militärgenerälen“, wie es eine Quelle gegenüber Reuters formulierte. 

Hier sind fünf Kernfragen für die Märkte:

1/ Was wird die EZB am Donnerstag tun?

Die Zinsen bei 2 % belassen. Es ist völlig ungewiss, wie lange der Konflikt dauern wird und wo die Energiepreise am Ende stehen werden. Daher wird die EZB die Unsicherheit anerkennen, und Präsidentin Christine Lagarde hat bereits versprochen, alles Notwendige zu tun, um die Inflation unter Kontrolle zu halten.

„Sie können nicht mehr behaupten, in einer guten Position zu sein, weil sie schlichtweg nicht wissen, ob das der Fall ist“, sagte Reinhard Cluse, Chefökonom für Europa bei der UBS. „Alles wird davon abhängen, was als Nächstes passiert.“

2/ Bedeutet der Krieg einen neuen Inflationsschock?

Es wird erwartet, dass die Inflation steigt. Ob daraus ein Schock wird, hängt von der Dauer des Konflikts ab und davon, wann Tanker die wichtige Straße von Hormus wieder sicher passieren können. 

Die Ölpreise schwankten stark und näherten sich in der vergangenen Woche der Marke von 120 Dollar.

Mit rund 105 Dollar am Montag liegen sie immer noch über 40 % höher als zu Kriegsbeginn und 70 % höher als zu Beginn des Jahres. Die europäischen Gaspreise sind allein in diesem Monat um rund 60 % gestiegen.

Dies würde die Inflation erheblich in die Höhe treiben. Eine frühere Analyse der EZB ergab, dass ein dauerhafter Anstieg der Öl- und Gaspreise um 14 % die Inflation um 0,5 % erhöhen und das Wachstum um 0,1 % schm&älern würde, mit ähnlichen Auswirkungen im zweiten Jahr, bevor der Effekt abklingt.

Ein Derivat, mit dem sich Anleger gegen Inflationsrisiken in der Eurozone absichern, ist für die nächsten zwei Jahre von 1,75 % vor dem Krieg auf rund 2,70 % gesprungen.

Vor dem Konflikt erwartete die EZB, dass die Inflation in diesem und im nächsten Jahr unter ihrem 2 %-Ziel liegen würde, was einen gewissen Puffer bot.

Im Vergleich zu 2022 neigen die Risiken eher zu einem Wachstumseinbruch als zu einem Inflationssprung, so Davide Oneglia, Ökonom bei TS Lombard. Die Wirtschaft sei weit entfernt von einem Post-Pandemie-Boom, in dem die Inflation bereits stieg. Zudem präsentiere sich der Arbeitsmarkt schwächer.

3/ Wie würde die EZB auf einen Energie-Inflationsschock reagieren?

Klar ist derzeit, dass die Aussicht auf eine weitere Zinssenkung in diesem Jahr vom Tisch zu sein scheint. Händler preisen eine Zinserhöhung in diesem Jahr bereits voll ein und sehen eine beträchtliche Chance für einen zweiten Schritt bis zum Jahresende.

Geprägt durch die Erfahrung von 2022, als man den Beginn eines historischen Inflationsschocks unterschätzte, wird die EZB es wohl vermeiden, die Inflation als „vorübergehend“ zu bezeichnen.

Die Währungshüter scheinen entschlossen, einen kühlen Kopf zu bewahren, haben jedoch schnelles Handeln versprochen – allerdings nur, wenn sie die Gefahr sehen, dass sich die Inflation in höheren Erwartungen, Lohnforderungen oder Güterpreisen verfestigt.

Einige Ökonomen sind der Meinung, dass Ölpreise von über 100 Dollar über mehrere Monate hinweg sowie Belege für solche Zweitrundeneffekte nötig wären, um Zinserhöhungen zu rechtfertigen.

4/ Was werden die neuen Projektionen der EZB zeigen?

Die Prognosen werden nur die ersten Tage des Krieges berücksichtigen und daher kaum das volle Ausmaß des Energiepreissprungs erfassen. Das Hauptaugenmerk wird auf den Szenarioanalysen liegen, die die EZB vorlegt.

Vizepräsident Luis de Guindos sagte, solche Analysen seien wahrscheinlich, ähnlich wie beim Einmarsch Russlands in die Ukraine. 

Die Ölpreise hatten bereits vor dem Konflikt angezogen, und die Inflation in der Eurozone war im vergangenen Monat unerwartet gestiegen, was die im Dezember vorgestellten Projektionen der EZB unter Aufwärtsdruck setzt.

5/ Wird Lagarde ihre Amtszeit bei der EZB beenden?

EZB-Chefin Lagarde hat versucht, Spekulationen über ein vorzeitiges Ausscheiden zu dämpfen, ohne dies jedoch kategorisch zu dementieren. Dies würde dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron die Möglichkeit geben, Einfluss auf die Ernennung ihres Nachfolgers zu nehmen.

Die Tür für einen vorzeitigen Abschied bleibt einen Spalt weit offen. Investoren sehen den ehemaligen niederländischen Zentralbankchef Klaas Knot und Pablo Hernandez De Cos, den früheren Chef der spanischen Zentralbank, als zwei wahrscheinliche Kandidaten. Knot gilt als falkenhaft, aber pragmatisch, De Cos als etwas taubenhafter. Bei keinem von beiden wird erwartet, dass er die Arbeitsweise der EZB grundlegend ändert. 

Analysten weisen darauf hin, dass die Nachfolge völlig offen ist, da Lagarde selbst 2019 ursprünglich keine Kandidatin war. Ein neuer Führung an der Spitze könnte bei steigender Inflation stärkere Akzente setzen.

Eine neue Inflationsgefahr erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass Lagarde ihre volle Amtszeit bis Oktober 2027 ausführt, so die Deutsche Bank.