Tokenisierte Vermögenswerte verändern still und leise die Struktur des globalen Finanzsystems. Während Kryptoassets selbst in der traditionellen Finanzwelt weiterhin umstritten sind, wird ihre zugrunde liegende Technologie – die Blockchain – zunehmend als das erkannt, was sie ist: eine effiziente, unabhängige Infrastruktur für den Transfer von Werten.

Selbst während des Krypto-Winters ist der Markt für tokenisierte Vermögenswerte weiter gewachsen und hat im Jahresvergleich um rund 50 % zugelegt. Der Grund dafür ist einfach. Indem traditionelle Real-World-Assets (RWAs) wie Dollar, Aktien oder Anleihen auf eine Blockchain übertragen werden, können Finanzinstitute ihre Abläufe erheblich vereinfachen. Transaktionen, für die früher mehrere Verwahrstellen, Clearingstellen und Abwicklungsfenster erforderlich waren, könnten theoretisch nahezu sofort über ein gemeinsames Ledger abgewickelt werden.

Stablecoins

Stablecoins existierten lange bevor der Begriff RWA populär wurde und werden häufig getrennt vom übrigen Sektor analysiert. In Wirklichkeit stellen sie jedoch dessen erfolgreichstes Beispiel dar, da sie im Grunde nichts anderes sind als tokenisierte Dollar, die auf Blockchains zirkulieren.

Das Wachstum der Stablecoins verlief rasant. Laut Token Terminal beläuft sich der Gesamtmarkt inzwischen auf 312 Milliarden Dollar – ein Anstieg um 42 % gegenüber März 2025 und um 138 % gegenüber März 2024.



Derzeit stammt der Großteil der Aktivität noch aus dem Kryptohandel, der etwa 90 % des Stablecoin-Volumens ausmacht. Doch die Nutzung weitet sich zunehmend über Börsen hinaus aus. Zahlungen, Überweisungen, Treasury-Operationen und die Abwicklung tokenisierter Vermögenswerte entwickeln sich zu wichtigen Treibern der Nachfrage, wie die australische Bank Macquarie kürzlich feststellte.

Stablecoins spielen zudem eine strukturelle Rolle innerhalb von Blockchain-Ökosystemen. Jede Transaktion erzeugt Gebühren, die an Miner oder Validatoren gezahlt werden, welche das Netzwerk sichern. Da diese Gebühren in der Regel in der nativen Kryptowährung der jeweiligen Blockchain entrichtet werden – etwa ETH bei Ethereum –, kann eine höhere Transaktionsaktivität die Nachfrage nach diesen Coins erhöhen.

Darüber hinaus eröffnen sich Blockchain-Ökosystemen neue Möglichkeiten, ein breiteres Spektrum kryptonativer Dienstleistungen anzubieten, je mehr Nutzer Kryptowallets eröffnen. Das Ergebnis ist ein Rückkopplungseffekt: Eine stärkere Nutzung von Stablecoins erhöht die Netzwerkaktivität, was die Nachfrage nach nativen Coins stützt und zugleich die Sicherheit der Blockchain stärkt.

Ethereum dominiert derzeit den Stablecoin-Markt mit einem Volumen von rund 190 Milliarden Dollar. Tron folgt mit etwa 86 Milliarden Dollar, während Solana mit knapp 15 Milliarden Dollar den dritten Platz belegt.

Tokenisierte Aktien, Anleihen und Rohstoffe

Neben Stablecoins ist die Tokenisierung anderer Finanzanlagen der eigentliche Motor hinter der RWA-Erzählung. Laut RWA.xyz beläuft sich der Markt für tokenisierte Vermögenswerte außerhalb des Stablecoin-Segments inzwischen auf etwa 26,5 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Wachstum von rund 300 % seit März 2025 und einer etwa vierzehnfachen Expansion seit März 2024.

Tokenisierte Schuldtitel bilden mit 16,6 Milliarden Dollar die größte Kategorie. US-Staatsanleihen dominieren dieses Segment mit rund 10,8 Milliarden Dollar. Ein erheblicher Teil dieses Kapitals fließt über tokenisierte Fonds wie Circles USYC, BlackRocks BUIDL oder Ondo Finances USDY.

Viele dieser Produkte kombinieren das klassische Fondsmodell mit der Struktur eines Stablecoins und geben sogenannte renditetragende Stablecoins aus. Diese Token sind in der Regel durch ertragsgenerierende Vermögenswerte gedeckt – meist kurzfristige US-Staatsanleihen oder Geldmarktinstrumente – wodurch Anleger eine Rendite erzielen können, während der Token gleichzeitig an den Dollar gekoppelt bleibt.

Rohstoffe bilden mit 5,7 Milliarden Dollar das zweitgrößte Segment. Diese Kategorie verzeichnete 2025 ein starkes Wachstum parallel zur Rally am Goldmarkt. Heute sind Tether Gold (XAUT) und Paxos Gold (PAXG) die beiden führenden tokenisierten Rohstoffe mit Marktkapitalisierungen von etwa 2,9 Milliarden beziehungsweise 2,6 Milliarden Dollar.

Sowohl öffentliche als auch private Equity-Token kommen zusammen auf rund 1,3 Milliarden Dollar. Das Segment der tokenisierten Aktien umfasst Blockchain-basierte Abbildungen großer Technologieaktien wie Google, Tesla und Nvidia.

Tokenisierte Immobilien bleiben hingegen vergleichsweise klein und erreichen einen Marktwert von etwas mehr als 600 Millionen Dollar.

Traditionelle Finanzriesen setzen auf RWAs

Es wäre überraschend, wenn die traditionelle Finanzwelt das rasante Wachstum des RWA-Sektors und das Potenzial der Blockchain für die Finanzmärkte ignorieren würde. Tatsächlich haben die meisten großen Finanzinstitute bereits begonnen, die Technologie zu übernehmen oder zumindest mit ihr zu experimentieren.

JPMorgan, BNY Mellon, Goldman Sachs, Société Générale, Standard Chartered, HSBC, ING, UBS und Santander experimentieren alle mit Stablecoins – sei es durch die Nutzung öffentlicher Varianten, durch Tests sogenannter permissioned Stablecoins oder durch die Emission eigener Token.

Einige Institute prüfen zudem gemeinsame Infrastrukturen, statt einzelne Produkte zu lancieren. In den Vereinigten Staaten haben Bank of America, Citigroup und Wells Fargo gemeinsame Stablecoin-Initiativen untersucht. In Europa arbeitet eine Gruppe von Banken, darunter ING, UniCredit, CaixaBank, Raiffeisen Bank International und SEB, an einem MiCA-konformen Rahmen für einen Euro-Stablecoin.

Auch außerhalb des Bank-Stablecoin-Komplexes gewinnen RWAs auf anderen Plattformen der traditionellen Finanzwelt an Bedeutung. Eine der bemerkenswertesten jüngsten Entwicklungen ist eine Partnerschaft zwischen Nasdaq und Payward, der Muttergesellschaft der Kryptobörse Kraken.

Die am 9. März angekündigte Initiative baut auf Krakens bestehender Plattform für tokenisierte Aktien, xStocks, auf und soll „die Tokenisierung von Aktien in einer Weise unterstützen, die die Kontrolle der Emittenten, bestehende regulatorische Rahmenbedingungen und die mit Unternehmensanteilen verbundenen Rechte wahrt“.

Sollte eine solche Infrastruktur in großem Maßstab umgesetzt werden, könnten Aktien künftig weltweit rund um die Uhr gehandelt werden – statt nur während der begrenzten Öffnungszeiten traditioneller Börsen. In Kombination mit Blockchain-basierter Abwicklung würde dieses Modell die Clearingzeiten erheblich verkürzen und möglicherweise die Funktionsweise der Kapitalmärkte grundlegend verändern.

Der RWA-Sektor wächst damit rasant und kommt sowohl der Kryptoindustrie als auch der traditionellen Finanzwelt zugute, während die Grenze zwischen beiden Bereichen zunehmend verschwimmt.