Um die Ursachen dieses Rekords zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück ins Jahr 2017. Damals musste der italienische Staat die Banca Monte dei Paschi di Siena nach einem gescheiterten europäischen Stresstest notfallmäßig rekapitalisieren. Gleichzeitig wurden zwei insolvente Banken aus Venetien abgewickelt, deren werthaltige Vermögenswerte Intesa Sanpaolo für den symbolischen Preis von einem Euro übernahm. UniCredit wiederum sammelte 13 Mrd. Euro am Kapitalmarkt ein, um ihre Bilanz zu sanieren. Die italienische Finanzbranche galt damals als Schwachstelle der Eurozone.

Neun Jahre später hat sich das Bild grundlegend gewandelt: UniCredit gibt den Versuch nicht auf, die Commerzbank zu übernehmen. Dass eine italienische Bank überhaupt eine der größten deutschen Banken ins Visier nimmt, zeigt bereits, wie weit der Sektor gekommen ist. Monte dei Paschi übernahm inzwischen die Kontrolle über Mediobanca. Intesa Sanpaolo wiederum strebt nun eine Übernahme von Monte dei Paschi an – und damit indirekt auch Einfluss auf Mediobanca. Die Institute, die einst mit Milliarden gestützt werden mussten, treten heute selbst als Käufer auf. Da Finanzwerte rund 37 % des italienischen Aktienmarktes ausmachen, hat ihre Erholung den gesamten Index nach oben gezogen.

Ein Rekord, der vor allem auf Banken basiert

UniCredit und Intesa Sanpaolo belegen die ersten beiden Plätze im FTSE MIB. Mehr als die Hälfte der zehn größten Indexmitglieder stammt aus dem Banken- oder Versicherungssektor. Kaum ein anderer großer europäischer Aktienindex weist eine derart starke Konzentration auf Finanzwerte auf.

Die Heatmap des Xtrackers FTSE MIB ETF bestätigt dieses Bild. In den vergangenen drei Jahren legten Bankaktien um 237 % zu. Industrieunternehmen entwickelten sich mit einem Plus von mehr als 300 % sogar noch besser. Mit einem Indexgewicht von lediglich 8 % reicht ihre Bedeutung jedoch nicht aus, um den Rekord allein zu tragen.


Quelle: MarketScreener, Heatmap

Mailand hängt Frankfurt und Paris ab


Quelle: MarketScreener, vergleichender Index-Chart

Diese Struktur erklärt auch die jüngste Outperformance des FTSE MIB. Seit August 2025 hat sich der italienische Leitindex deutlich besser entwickelt als der DAX und der CAC 40.

Finanzwerte verzeichneten zwar in allen drei Indizes Kursgewinne von mehr als 180 % innerhalb von drei Jahren. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in ihrer Gewichtung. In Paris dominiert der Luxussektor den Index, hat aber über drei Jahre rund 22 % verloren und damit die Gesamtentwicklung belastet. In Frankfurt werden die Kursgewinne vor allem von Industrie- und Versicherungswerten getragen, nicht von Banken. In Mailand hingegen stellen Banken den größten Sektor des Marktes – und genau dieser Bereich erlebt derzeit einen kräftigen Aufschwung.

Allerdings hat diese Entwicklung auch ihre Kehrseite. Der Rekord steht auf einem schmalen Fundament. Er wird vor allem von Banken, Energiewerten, Kabelherstellern und Rüstungsunternehmen getragen, während Automobil-, Gesundheits- und Nahrungsmittelwerte hinterherhinken. Der FTSE MIB erreicht neue Höchststände also nicht deshalb, weil die gesamte italienische Börse boomt, sondern weil ihre Schwergewichte geschlossen in dieselbe Richtung marschieren.

Das ist zugleich Stärke und Schwäche des Index. Ein Markt, der so stark auf Banken und einige wenige Schwergewichte konzentriert ist, kann besonders dynamisch steigen. Sollten die Banken jedoch ins Straucheln geraten, verfügt der FTSE MIB über deutlich weniger Ausweichmöglichkeiten als stärker diversifizierte Indizes.