Das schwache Wachstum in Europa ist kein unabwendbares Schicksal. Diese Botschaft richteten die Vorstandsvorsitzenden von elf Banken Ende vergangener Woche an die politischen Entscheidungsträger und forderten ein rasches Umdenken. In einem bewusst alarmierend formulierten offenen Brief beziffern die Unterzeichner den Wettbewerbsverlust des Kontinents gegenüber den Vereinigten Staaten in den vergangenen 25 Jahren auf 30 %. Nach ihrer Einschätzung ist Europa vor allem Opfer „eigener Entscheidungen“ – und damit durchaus in der Lage, den Trend noch zu drehen.
Was wird konkret kritisiert?
Die europäischen Banken nehmen dabei klar den regulatorischen Rahmen ins Visier, dem sie unterliegen – insbesondere die Vorgaben aus den Basel-Abkommen (Basel I, Basel II und Basel III).
Diese Regelwerke wurden als Reaktion auf schwere Finanzkrisen – zuletzt die Krise von 2008 – eingeführt. Sie verpflichten die Institute unter anderem dazu, regelmäßig ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisenszenarien zu testen (Stresstests) und umfangreiche Vorgaben zu Liquidität und Risikopositionen einzuhalten. Dazu zählen insbesondere Eigenkapitalquoten, die die eingegangenen Verpflichtungen der Banken ins Verhältnis zu ihrer Kapitalausstattung setzen.
Inzwischen gilt dieser Rahmen vielen als übermäßig restriktiv. Er wird dafür verantwortlich gemacht, die Kreditvergabe zu bremsen und die Kapitalkosten zu erhöhen. Zwar sprechen die Unterzeichner primär für den Bankensektor, doch sie verweisen auch auf die negativen Folgen einer weit verbreiteten Risikoaversion in anderen Bereichen wie Telekommunikation oder Hochtechnologie.
Warum gerade jetzt?
Der Zeitpunkt der Initiative ist kein Zufall. Nach Ansicht der Banken sind sie bei den jüngsten Debatten – etwa beim Weltwirtschaftsforum in Davos – zu kurz gekommen. Dabei stellen sie nach eigenen Angaben rund 75 % der Finanzierung in Europa für Unternehmen und private Haushalte bereit und sehen sich selbst als „effizientestes Instrument, um private Kapitalströme rasch zu mobilisieren“.
Zudem stehen in den kommenden Monaten weitreichende Entscheidungen an, die ab 2026 wirksam werden sollen – sei es im Bereich der Kapitalmarktunion, der Wettbewerbsfähigkeit oder der Bankenregulierung. Besonders aufmerksam verfolgen die Institute die anstehenden US-Vorschläge zum sogenannten „Basel III Endgame“. Sie fürchten regulatorische Divergenzen zulasten Europas – mit der Folge einer weiter eingeschränkten Finanzierungskapazität.
Aus Sicht der Unterzeichner ist es daher dringend geboten, die Banken in der Prioritätenliste der europäischen Entscheidungsträger ganz nach oben zu rücken.
Welche Vorschläge machen die Institute?
Um die Kreditvergabe auf europäischer Ebene anzukurbeln, schlagen die Banken zwei zentrale Stoßrichtungen vor.
Erstens plädieren sie für eine Vereinfachung und Straffung des regulatorischen Rahmens. Ohne ins Detail zu gehen, fordern sie eine Lockerung bestimmter Kennziffern und Vorgaben, da einige Anforderungen ihrer Ansicht nach über das tatsächliche Risikoprofil hinausgingen.
Zweitens verlangen sie eine Neubewertung der Regulierungskriterien. Künftig solle nicht allein die Finanzstabilität maßgeblich sein, sondern ebenso das Wachstum. Jede neue Regel müsse daraufhin geprüft werden, ob sie zur wirtschaftlichen Dynamik und Wettbewerbsfähigkeit beiträgt – ohne dabei die Stabilität des Systems zu gefährden. Als Beispiel verweisen die Unterzeichner auf jüngste regulatorische Anpassungen im Vereinigten Königreich, deren „erste Ergebnisse sichtbar“ würden.
Unterzeichnet wurde der offene Brief von Sergio P. Ermotti (UBS), Christian Sewing (Deutsche Bank), C.S. Venkatakrishnan (Barclays), Jean-Laurent Bonnafé (BNP Paribas), Nicolas Namias (BPCE), Olivier Gavalda (Crédit Agricole), Georges Elhedery (HSBC), Steven van Rijswijk (ING), Ana Botín (Santander), Slawomir Krupa (Société Générale) und Bill Winters (Standard Chartered).




















