Was misst der EPU genau?

Der EPU basiert auf einer Auswertung von Artikeln aus den zehn führenden US-Tageszeitungen. Gezählt wird die Häufigkeit bestimmter Begriffe in den Texten – insbesondere „Wirtschaft“, „Unsicherheit“ und „Wirtschaftspolitik“.

Es ist daher verständlich, warum dieser Index grundsätzlich eng mit dem VIX verbunden ist: Unsicherheit ist der natürliche Feind der Märkte.

Vergleich der Entwicklung des EPU-Index (blau) und des VIX (rot) von 1990 bis Juli 2015 (Quelle: National Bureau of Economic Research)

Die Korrelation beider Indikatoren liegt bei 0,58 – kein außergewöhnlich hoher, aber dennoch signifikanter Wert. Dass der Zusammenhang nicht linear ist, liegt daran, dass politische Krisen nicht zwangsläufig unmittelbare Marktreaktionen auslösen. So zeigte der VIX beispielsweise nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nur begrenzte Ausschläge. Ganz anders hingegen bei Finanzkrisen, deren Ursprung direkt in den Märkten liegt – wie 2008 bei der Lehman-Pleite oder 1997 in der Asienkrise: Hier schoss der VIX nach oben.

Seit Monaten gegenläufige Entwicklungen

In den vergangenen sechs Monaten hat sich der EPU deutlich nach oben bewegt. Zwar haben geopolitische Spannungen mit dem Iran ihren Teil beigetragen, doch Haupttreiber ist der eskalierende Handelskonflikt samt Zollerhöhungen. Diese beeinträchtigen die Gewinnprognosen zahlreicher US-Unternehmen und werfen grundsätzliche Fragen zur wirtschaftlichen Stabilität auf – Gründe genug für eine enge Kopplung beider Indikatoren.

Und doch: Während der VIX im Frühjahr auf ein Niveau kletterte, das seit der COVID-Krise 2020 nicht mehr erreicht wurde, hat sich die Marktvolatilität seither wieder stark beruhigt.

Entwicklung des VIX-Index über ein Jahr (Quelle: FRED)

Anders sieht es beim EPU aus: Die gemessene Unsicherheit bleibt hoch und zeigt keine vergleichbare Entspannung:

Entwicklung des EPU-Index über ein Jahr (Quelle: FRED)

Die politische Unsicherheit bleibt

In diesem Zusammenhang lohnt sich ein erneuter Blick auf die bereits mehrfach von MarketScreener thematisierte „Flood the Zone“-Strategie, die Donald Trumps ehemaliger Berater Steve Bannon prägte. Ziel ist es, den medialen Raum – und damit auch die Wahrnehmung der Märkte – mit einer Flut an widersprüchlichen Botschaften zu überfluten, um Verwirrung zu stiften und die eigene Agenda durchzusetzen.

Diese Strategie hat spürbare Auswirkungen: Wie der Financial Times zufolge beschrieben, führt „Ambiguitätsaversion“ dazu, dass Anleger bekannte Risiken gegenüber unbekannten bevorzugen. Auch neigen sie dazu, Verlustvermeidung höher zu bewerten als potenzielle Gewinne – ein psychologischer Faktor, der das Marktverhalten wesentlich beeinflusst.

Als Donald Trump Ende April öffentlich drohte, Fed-Chef Jerome Powell zu entlassen, reagierten die Märkte kaum – doch der anschließende Rückzieher sorgte für deutlichen Rückenwind. In einem stabilen politischen Umfeld ist es einfacher, Unternehmensbewertungen vorzunehmen. Seitdem Trumps Politik wieder verstärkt die Märkte prägt, scheint jedoch das Gegenteil zu gelten: Der S&P 500 ist in diesem Jahr bereits um 8,3 % gestiegen – und hat seit dem April-Tief sogar mehr als 25 % zugelegt.

Trumps Taktik: Berechenbar unberechenbar

Ein weiterer Erklärungsfaktor ist das sogenannte „TACO Trade“-Narrativ: die Überzeugung vieler Investoren, dass Trump regelmäßig von seinen drastischen Entscheidungen wieder abrückt („Trump Always Chickens Out“). Diese Erwartung ist mittlerweile fest in den Köpfen vieler Marktteilnehmer verankert – und sorgt für paradoxe Stabilität.

Die Gleichzeitigkeit all dieser Phänomene – psychologische Mechanismen, mediale Überflutung und politische Taktik – trägt dazu bei, dass die US-Börsen trotz hoher Unsicherheit außergewöhnlich robust dastehen. Das erklärt auch die aktuelle Entkopplung zwischen EPU und VIX – eine seltene, aber höchst aufschlussreiche Beobachtung.