Der 1999 aus der Abspaltung von Siemens hervorgegangene deutsche Konzern hat sich zu einem der weltweit führenden Anbieter von Leistungshalbleitern entwickelt – also jener Komponenten, die elektrische Energie in Elektrofahrzeugen, Rechenzentren oder Industrieinfrastrukturen steuern und umwandeln.
Im Gegensatz zu Nvidia oder AMD verkauft Infineon keine Chips zum Training von KI-Modellen. Die Rolle des Unternehmens ist weniger sichtbar, aber nicht minder strategisch.
Die Elektrifizierung des Automobils
Infineon profitierte lange vom Boom der Elektrofahrzeuge und der Energieinfrastruktur. In einem Elektroauto ist der Bedarf an Halbleitern deutlich höher als in einem klassischen Verbrenner. Jede Funktion benötigt Leistungshalbleiter – vom Batteriemanagement über den Elektromotor bis hin zur Ladeinfrastruktur.
Die Automobilsparte steht weiterhin für mehr als 50 % des Konzernumsatzes, was Infineon anfällig für die Abschwächung des Elektroautomarktes macht.
Doch unabhängig von den Stückzahlen steigt der Halbleiterwert pro Fahrzeug weiter an. Mit dem Aufstieg der „Software Defined Vehicles“ gewinnen elektronische Funktionen wie Fahrerassistenzsysteme oder Software-Updates zunehmend an Bedeutung. Infineon dominiert zudem den Markt für Automotive-Mikrocontroller (MCU) mit einem weltweiten Marktanteil von rund 36 %.
Eine indirekte KI-Story
Infineon nimmt nicht direkt am Rennen um GPUs (Graphics Processing Units) teil, das die Bewertung von Nvidia explodieren ließ. Dennoch eröffnet der Aufstieg der künstlichen Intelligenz dem Konzern erhebliche Chancen.
Die Explosion der KI-Rechenzentren verändert den Strombedarf grundlegend. Der Energieverbrauch steigt deutlich schneller als die verfügbaren Versorgungskapazitäten – und damit wächst die Nachfrage nach Lösungen zur Umwandlung, Verteilung und Optimierung von Energie rasant.
Genau an dieser Stelle kommt Infineon ins Spiel: Die Leistungshalbleiter des Unternehmens verbessern die Energieeffizienz solcher Infrastrukturen.
Diese Entwicklung verändert auch die Wahrnehmung des Konzerns an den Märkten. Nachdem Infineon lange Zeit als zu stark vom Automobilzyklus abhängig galt, wird das Unternehmen inzwischen zunehmend als Profiteur von Rechenzentren und künstlicher Intelligenz gesehen.
Im Rahmen der jüngsten Quartalszahlen hob Infineon nach einem Umsatzanstieg von 6 % seine Jahresziele an. Der Konzern sprach von einer „sehr starken Nachfrage“ nach Stromversorgungslösungen für KI-bezogene Rechenzentren.
Eine ambitionierte Bewertung
An der Börse spiegelt der Kurs bereits einen Teil dieser Erwartungen wider. Mit einem geschätzten KGV von 45,7 für 2026 und 28,8 für 2027 bleibt Infineon teuer bewertet. Ähnliches gilt für den europäischen Wettbewerber STMicroelectronics, dessen erwartetes KGV für 2026 ebenfalls über 50 liegt.
Diese Multiplikatoren müssen allerdings im Kontext der Zyklen betrachtet werden. Infineon kommt aus zwei Jahren massiven Lagerabbaus in der Automobil- und Industriebranche. In diesem Sektor steigen die Bewertungen häufig gerade dann, wenn die Gewinne zyklisch ihren Tiefpunkt erreichen.
Der Markt scheint inzwischen jedoch über den bloßen zyklischen Aufschwung hinauszublicken. Investoren bewerten zunehmend Infineons Engagement in der Energieinfrastruktur von Rechenzentren und im KI-Bereich, die als strukturelle Wachstumstreiber wahrgenommen werden. Für das Geschäftsjahr 2026 rechnet der Konzern inzwischen mit KI-bezogenen Rechenzentrumsumsätzen von rund 1,5 Mrd. Euro, bevor sich das Wachstum 2027 erneut beschleunigen soll.
Trotz dieser Perspektiven bleibt der Markt anspruchsvoll. Die Anleger beobachten weiterhin den Margendruck sowie die anhaltende Schwäche des Elektrofahrzeugmarktes.
Ein diskreter Gewinner
Infineon begeistert die Märkte nicht so wie die amerikanischen KI-Stars. Doch hinter der Euphorie rund um GPUs positioniert sich der deutsche Konzern im Zentrum der globalen Elektrifizierungsrevolution. Auch Europa braucht industrielle Champions – und Infineon gehört zweifellos dazu. Der Kursanstieg von 55 % seit Jahresbeginn spricht für sich.



















