In der vergangenen Woche erreichten US-Aktien erneut neue Höchststände. Der S&P 500 und der Nasdaq schlossen am Freitag auf Rekordniveau, gestützt von starken Unternehmensgewinnen, einem robusten Arbeitsmarktbericht und der Hoffnung, der Nahostkonflikt könne sich irgendwann einer Lösung nähern. Diese Hoffnungen schwächten sich am Wochenende ab, nachdem Iran Washingtons Friedensplan mit einem Gegenvorschlag beantwortet hatte und Präsident Trump diesen als inakzeptabel zurückwies. Die Straße von Hormus bleibt blockiert, die Ölpreise stiegen erneut auf rund 105 US-Dollar, und der Konflikt ist in eine längere Phase eingetreten, die die Märkte nicht mögen, aber möglicherweise zu verdauen versuchen.

Und doch zeigt die Wall Street wenig Angst: Künstliche Intelligenz, Unternehmensgewinne und eine widerstandsfähige US-Wirtschaft bleiben die dominierenden Kräfte im Anlegerverhalten. Ein Grund dafür ist, dass Investoren jüngst Erfahrung mit Schocks gesammelt haben, die zunächst destabilisierend wirkten, am Ende aber absorbiert wurden. Im vergangenen Jahr erschütterten Zölle die Märkte, der Ausverkauf verebbte, und die Aktien setzten ihren Anstieg fort, obwohl viele Handelsbarrieren bestehen blieben. Ende 2025 lagen die US-Handelsbarrieren weiterhin auf dem höchsten Stand seit einem Jahrhundert. Die Märkte passten sich an. Das tun sie oft, wenn auch nicht immer klug.

Am 1. Januar hätten wohl nur wenige erwartet, dass der S&P 500 nach Wochen des Konflikts im Iran rund 8 % und der Nasdaq rund 16 % im Plus liegen würden. Noch weniger hätten erwartet, dass Anleger auf dreistellige Ölpreise reagieren, indem sie noch mehr Halbleiteraktien kaufen. Die US-Wirtschaft ist nicht eingebrochen; der Arbeitsmarktbericht für April fiel stärker aus als erwartet. Zugleich war es das erste Mal seit einem Jahr, dass die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Monaten Stellen schuf. Die jüngsten Daten deuten auf anhaltendes Wachstum, einen soliden Arbeitsmarkt und Unternehmen hin, deren Gewinne weiterhin stark genug sind, um die aktuellen Bewertungen zu stützen.

Diese Gewinne sind die wichtigste Quelle der Widerstandskraft des Marktes. Laut FactSet-Zahlen, die im Marktkommentar genannt werden, sind die Gewinne je Aktie im S&P 500 gegenüber dem Vorjahr um 27,7 % gestiegen. Den Großteil der Arbeit leistet der Technologiesektor mit einem Plus beim Gewinn je Aktie von 50,7 %. KI-nahe Halbleiterunternehmen erzielten ein vierteljährliches Gewinnwachstum von rund 99 %.

Doch es gibt einen erheblichen Vorbehalt. Ein Teil des Gewinnsprungs wurde durch unrealisierte Gewinne aus Beteiligungen an privaten KI-Unternehmen wie OpenAI und Anthropic verstärkt. Große Cloud- und Technologiekonzerne sind nicht nur Investoren in diese Unternehmen. In vielen Fällen sind sie zugleich Kunden, Lieferanten und strategische Partner. Wenn Bewertungen steigen, wirkt diese Struktur mächtig. Sollte das Vertrauen schwinden, könnte sie zirkulärer erscheinen. Die Grenze zwischen einem produktiven Ökosystem und einer sich selbst verstärkenden Finanzstruktur ist nicht immer so klar, wie es sich die Märkte wünschen.

Die kommende Woche ist voll: Am Dienstag wird der US-Verbraucherpreisindex veröffentlicht, am Mittwoch folgen die Erzeugerpreise. Ökonomen rechnen damit, dass die Inflation im April angezogen hat, teilweise weil der Nahostkonflikt die Energiepreise nach oben treibt. China hat bereits ein frühes Warnsignal geliefert. Die jährliche Inflation beschleunigte sich auf 1,2 % und lag damit über den Prognosen von 0,8 %, während die Erzeugerpreise um 2,8 % stiegen, deutlich über den erwarteten 1,5 %.

Präsident Trump soll noch in dieser Woche Präsident Xi Jinping treffen, beim ersten Besuch eines US-Präsidenten in China seit 2017, als der Besucher ebenfalls Trump hieß. Die Agenda ist breit: Iran, Taiwan, künstliche Intelligenz, Atomwaffen, Zölle und eine mögliche Verlängerung eines Abkommens über kritische Mineralien. Die Erwartungen an einen Durchbruch sind gering, und das wohl zu Recht. Bei einem Treffen der beiden größten Mächte der Welt kann es bereits als Fortschritt gelten, eine Eskalation zu vermeiden.

Auch andere geopolitische Entwicklungen werden um Aufmerksamkeit konkurrieren. Wladimir Putin hat erklärt, er glaube, der Krieg in der Ukraine nähere sich seinem Ende, während Gerüchte kursieren, die Europäische Union könne Verhandlungen mit Russland wieder aufnehmen. Großbritannien und Frankreich organisieren ein multinationales Treffen zur Begleitung von Schiffen durch die Straße von Hormus. Benjamin Netanjahu hat gesagt, der Krieg in Iran werde nicht enden, solange Teheran nukleare Fähigkeiten behalte. In Großbritannien bereitet Premierminister Keir Starmer unter politischem Druck eine wichtige Rede vor. In Washington wird ein Senatsausschuss voraussichtlich einen lange erwarteten Gesetzentwurf zu Kryptowährungen prüfen.

Die Unternehmensgewinne kommen als weitere Ebene hinzu. Die Berichtssaison zum ersten Quartal läuft aus; mehr als vier Fünftel der großen westlichen Unternehmen haben bereits Zahlen vorgelegt. Doch wichtige Namen stehen noch aus, darunter Siemens, Allianz, Siemens Energy, Bayer, Cisco und Applied Materials. In Asien werden zudem Tencent, Alibaba, Mitsubishi Heavy, SoftBank und Kioxia erwartet. Später im Monat werden Nvidia und Walmart aus sehr unterschiedlichen Gründen große Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Nvidia als Symbol des KI-Booms, Walmart als Gradmesser für den amerikanischen Verbraucher.

Die heutige Sitzung zeigt bereits die Spaltung im Marktverhalten. Intel legte im vorbörslichen Handel zu, nachdem über eine vorläufige Chipfertigungsvereinbarung mit Apple berichtet worden war, und baute damit den kräftigen Gewinn vom Freitag aus. Fluggesellschaften gaben nach, da höhere Ölpreise die Margen bedrohen; Southwest, Delta und United standen allesamt unter Druck. Auch Goldminenwerte fielen, weil die Goldpreise nachgaben.

Dax gibt trotz Nahost-Unsicherheit nur moderat nach

Trotz der weiter unsicheren Lage in Nahost hat der Dax am Montag nur leicht nachgegeben. Am Nachmittag verlor der deutsche Leitindex 0,4 % auf 24.247 Punkte. In der Vorwoche hatte er bei rund 25.150 Punkten noch den höchsten Stand seit Kriegsbeginn Ende Februar erreicht, getragen von Entspannungssignalen. Bis Freitag waren die Gewinne jedoch fast vollständig abgeschmolzen. Der MDax sank um 0,2 % auf 31.133 Punkte.

Im Dax gerieten Hannover Re und Gea nach Quartalszahlen unter Druck. Hannover Rück verloren 2,3 %, Gea fielen als Schlusslicht um 5,0 %. Beim Anlagenbauer entsprach das Ergebnis weitgehend den Erwartungen, kritisiert wurde jedoch der freie Barmittelfluss. Hannover Rück belastete vor allem eine schwache Entwicklung im Rückversicherungsgeschäft Schaden und Unfall.

Zu den stärksten Werten im Leitindex zählten Eon mit plus 1,8 % und die Commerzbank mit plus 1,4 %. Beide Aktien profitierten von Hochstufungen. Bei der Commerzbank wurde unter anderem das Gewinnpotenzial hervorgehoben. Eon profitierte von der Einschätzung, dass Energienetzbetreiber noch Aufholpotenzial haben.

Im MDax sprangen Delivery Hero um gut 12 % nach oben. Auslöser war der Verkauf eines 5 %-Anteils durch Grossaktionär Prosus an den Investmentfonds Aspex, und zwar mit einem Aufpreis von 10 % auf den Schlusskurs vom Freitag. Hochtief fielen nach Zahlen und Ausblick um 4,4 %, nachdem Anleger nach dem starken Lauf der Aktie Gewinne mitnahmen. Seit Jahresbeginn steht dennoch weiter ein Plus von mehr als 50 %. TKMS verloren trotz überwiegend erfreulicher Quartalszahlen 5,3 % und folgten damit dem schwachen Trend der Rüstungswerte.