Doch zahlreiche andere Pharmaunternehmen wollen ebenfalls ein Stück vom Kuchen. Dutzende neue Wirkstoffe befinden sich derzeit in der Entwicklung, um die beiden Branchenführer herauszufordern.
Die Medikamente wirken hauptsächlich, indem sie natürliche Hormone nachahmen, die Appetit, Sättigungsgefühl und Stoffwechsel regulieren. Anders als frühere Präparate stimulieren sie nicht lediglich das Nervensystem, sondern verändern die Art und Weise, wie Gehirn und Körper Hunger wahrnehmen. Wegovy, Ozempic und Zepbound beispielsweise imitieren das Hormon GLP-1 (Glucagon-like Peptide-1), das nach Mahlzeiten im Darm ausgeschüttet wird.
Novo Nordisk und Eli Lilly
Beginnen wir mit dem Pionier der Branche: Novo Nordisk. Im ersten Quartal entfielen 29,85 % des Konzernumsatzes auf Adipositas-Medikamente. Berücksichtigt man zusätzlich die Diabetesprodukte, steigt dieser Anteil auf 93,98 %. Die Zahlen sind beeindruckend, allerdings wenig überraschend, da Novo Nordisk stark auf Diabetes, Adipositas und Stoffwechselerkrankungen spezialisiert ist.
Noch bemerkenswerter erscheinen die Zahlen von Eli Lilly. Der US-Konzern ist deutlich breiter aufgestellt und verfügt zudem über wichtige Aktivitäten in den Bereichen Alzheimer, Onkologie und Immunologie. In den ersten drei Monaten des Jahres erzielten die Adipositas-Präparate des Unternehmens Umsätze von 12,822 Mrd. US-Dollar bei einem Gesamtumsatz von 19,799 Mrd. US-Dollar. Das entspricht einem Anteil von 63,13 %.
Beide Unternehmen verbindet auch ihre Entwicklung an der Börse. Sowohl Novo Nordisk als auch Eli Lilly waren zeitweise die wertvollsten Pharmaunternehmen der Welt. Die Marktkapitalisierung von Novo Nordisk überstieg mehrfach das Bruttoinlandsprodukt Dänemarks. Eli Lilly wiederum schrieb Börsengeschichte als erstes Gesundheitsunternehmen mit einer Bewertung von mehr als 1.000 Mrd. US-Dollar. Der Konzern rangiert aktuell auf Platz zwölf der weltweit wertvollsten Unternehmen – zwischen Samsung Electronics und Berkshire Hathaway.
Während Novo Nordisk als Wegbereiter des Marktes gilt, hat die Aktie in den vergangenen Jahren eine schwierige Phase durchlebt. Seit dem Rekordhoch Ende Juni 2024 hat das Papier rund 73 % an Wert verloren. Hintergrund ist vor allem die Korrektur eines zuvor übermäßig optimistischen Marktes sowie die Sorge um die Zeit nach Wegovy. Hinzu kamen mehrere Gewinnwarnungen und Zweifel daran, ob das Unternehmen seine Führungsposition gegenüber Eli Lilly behaupten kann.
Bei Eli Lilly zeigt sich das gegenteilige Bild. Die Aktie notiert auf Rekordniveau und hat seit der Einführung des ersten Adipositas-Medikaments rund 90 % zugelegt. Neben dem Erfolg im Bereich Gewichtsreduktion profitierte der Konzern auch von Fortschritten mit Kisunla. Das Medikament eröffnet Eli Lilly Zugang zu einem riesigen Markt: der Behandlung früher Alzheimer-Stadien.
Vom Duopol zum Massenmarkt
Die beiden Branchenführer müssen sich künftig deutlich stärkerem Wettbewerb stellen, auch wenn der Markt weiterhin mit hoher Geschwindigkeit wachsen dürfte. Bis 2030 könnte der Jahresumsatz die Marke von 100 Mrd. US-Dollar überschreiten. Einige Prognosen gehen sogar von bis zu 190 Mrd. US-Dollar aus, wenn Diabetes- und Adipositas-Anwendungen zusammen betrachtet werden.
Verändern wird sich der Markt auch durch die Einführung oraler Präparate, die einfacher anzuwenden sind als Injektionen. Novo Nordisk brachte Wegovy bereits Anfang des Jahres in den USA als Tablette auf den Markt. Anfang Juni erhielt die orale Variante zudem die Zulassung in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In Europa sprach der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur am 22. Mai eine positive Empfehlung aus. Die Markteinführung wird in der zweiten Jahreshälfte erwartet.
Eli Lilly bleibt jedoch dicht auf den Fersen. Die orale Version des eigenen Präparats kam nur kurze Zeit nach Novo Nordisks Produkt auf den US-Markt.
Den entscheidenden Vorsprung könnte Eli Lilly allerdings mit der nächsten Generation von Adipositas-Medikamenten erzielen. Retatrutide erreichte nach 104 Behandlungswochen Gewichtsverluste von nahezu 30 % in der höchsten Dosierung. Zum Vergleich: CagriSema, der Hoffnungsträger von Novo Nordisk, führte in einer Vergleichsstudie nach 84 Wochen zu einer Gewichtsreduktion von 23 %, während Tirzepatid – der Wirkstoff in Zepbound und Mounjaro – auf 25,5 % kam.
Die Verfolger positionieren sich
Hinter den beiden Marktführern versuchen zahlreiche Unternehmen, eigene Nischen zu besetzen. Dazu gehört etwa Survodutide von Zealand Pharma und Boehringer Ingelheim. Das Präparat zielt nicht nur auf Gewichtsverlust ab, sondern auch auf eine deutliche Verringerung von viszeralem und Leberfett. Dadurch erscheint es besonders interessant für Patienten mit MASLD oder MASH, also der metabolisch bedingten Fettlebererkrankung und ihrer entzündlichen Verlaufsform.
Andere Unternehmen konzentrieren sich zusätzlich auf die Senkung des Herz-Kreislauf-Risikos, Verbesserungen bei Schlafapnoe, den Erhalt von Muskelmasse, eine bessere Verträglichkeit oder einfachere Verabreichungsschemata, etwa monatliche Anwendungen. Zu den bekanntesten oder am weitesten fortgeschrittenen Akteuren zählen Amgen, Roche, AstraZeneca, Pfizer und Viking Therapeutics.
Regulatorischer, kommerzieller und industrieller Engpass
Mit dem wachsenden Wettbewerb steigt auch die Zahl der Entwicklungsprogramme. Zwischen 2026 und 2030 werden zahlreiche Ergebnisse aus Phase-III-Studien erwartet. Die Unternehmen konkurrieren um dieselben Patientengruppen, während die Kosten für klinische Studien kontinuierlich steigen.
Zudem reicht es heute nicht mehr aus, einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von 10 % nachzuweisen. Gefordert werden höhere Wirksamkeit, bessere Verträglichkeit, einfachere Anwendung und zusätzliche medizinische Nutzen.
Auch die Zulassungsbehörden stehen vor einer Herausforderung. Sie müssen gleichzeitig eine Vielzahl neuer Wirkstoffe, Kombinationstherapien, innovativer Darreichungsformen und Indikationserweiterungen bewerten. Jede Zulassung erfordert Sicherheitsdaten über mehrere Jahre, kardiovaskuläre Untersuchungen und die Analyse teilweise komplexer Nebenwirkungen.
Nach der Zulassung folgt die nächste Hürde: die Produktion. Die Herstellung von GLP-1-Peptiden erfordert hochspezialisierte Kapazitäten. Novo Nordisk und Eli Lilly haben bereits mehrere Dutzend Mrd. US-Dollar in ihre Produktionsanlagen investiert. Neue Wettbewerber müssen Fabriken, Zulieferer sowie Kapazitäten für Abfüllung und Verpackung erst aufbauen oder sichern.
Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal könnte künftig der Preis werden. Die Wirksamkeit der Präparate gilt inzwischen weitgehend als belegt, doch die Kosten liegen je nach Land und Rabattsystem zwischen 5.000 und 15.000 US-Dollar pro Patient und Jahr.
Dabei spielen auch Krankenversicherungen eine entscheidende Rolle. Manche Kostenträger zeigen sich zurückhaltend bei der Erstattung, da die langfristigen Einsparungen – etwa durch weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle, Diabetesfälle oder MASH-Erkrankungen – möglicherweise einem anderen Versicherer zugutekommen, falls der Patient später die Krankenkasse wechselt.
Für Anleger bedeutet dies: Die eigentliche Herausforderung liegt nicht mehr darin, ob der Markt für Adipositas-Medikamente wächst. Die Frage lautet vielmehr, welche Unternehmen sich in einem zunehmend überfüllten Markt behaupten können – und wer am Ende die Milliardenautobahn tatsächlich für sich nutzen wird.





















