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Deutsche Wirtschaft an EZB - Brauchen Zinswende nach US-Vorbild

27.01.2022 | 11:13
ARCHIV: Flaggen der Europäischen Union vor dem Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main, Deutschland, 3. Dezember 2015. REUTERS/Ralph Orlowski

Berlin (Reuters) - Nach dem Signal für eine Zinswende in den USA durch die Notenbank Fed sieht die deutsche Wirtschaft angesichts der hohen Inflation jetzt die Europäische Zentralbank (EZB) am Zug.

"Die EZB muss nun dringend nachziehen um den Zweitrundeneffekten, insbesondere einer Lohn-Preis-Spirale, entgegenzutreten", sagte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura, am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. "Es ist an der Zeit, die expansive Geldpolitik endlich zu beenden, auch wenn dies perspektivisch zu höheren Zinsen für die Staatshaushalte führt." Es sei schließlich nicht Aufgabe einer Zentralbank, marode Staatshaushalte zu sanieren. Die Politiker in Europa müssten ihre Hausaufgaben selbst machen. Dazu gehöre auch, die Staatsausgaben endlich auf den Prüfstand zu stellen.

"Die amerikanische Notenbank Fed reagiert angemessen auf das geänderte wirtschaftliche Umfeld", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), Christin Ossig. "Im Vergleich dazu verhält sich die EZB aus unserer Sicht zu zögerlich." Die Inflation werde im Euroraum länger anhalten. Auch mittel- bis längerfristig dürfte die Teuerungsrate über der Zielmarke der EZB von zwei Prozent bleiben. "Daher wird es Zeit, dass die EZB einen Fahrplan für den Ausstieg aus den Negativzinsen vorlegt", sagte Ossig angesichts der Tatsache, dass Banken für Einlagen bei der EZB zur Kasse gebeten werden. "Je früher sie dies tut, umso besser kann sie den Prozess behutsam und wohldosiert steuern." Warte sie zu lange ab, riskiere sie, später mit abrupten und deutlich kräftigeren Schritten gegensteuern zu müssen.

"Viele deutsche Unternehmen hoffen jetzt auf ein wohldosiertes und zugleich klares Zinssignal der EZB", sagte der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. Bei den sprunghaft gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen handele es sich zwar vornehmlich um importierte Preistreiber. "Jetzt kommt es darauf an, dass sich daraus keine Inflationsspirale entwickelt", sagte Treier. "Denn das ist gefährlicher Sprengsatz für jede Volkswirtschaft - insbesondere für unsere."

"HÖHERE ZINSEN ZIEHEN KAPITAL IN DIE USA"

Wenn diese Preissteigerungen weiterhin von der Geldpolitik ignoriert würden, schwäche das den Euro im Vergleich zum Dollar. "Denn die höheren US-Zinsen ziehen Kapital in die Vereinigten Staaten und den Dollarkurs nach oben", sagte DIHK-Experte Treier. "Eine ungünstige Euro-Kursentwicklung könnte die importierte Inflation weiter anfachen." Die Gemeinschaftswhrung rutschte nach dem Fed-Zinssignal auf 1,12 Dollar ab - den tiefsten Stand seit November. Deshalb wäre das Gebot der Stunde aus Sicht der deutschen Wirtschaft, seitens der EZB jetzt ein klares Signal zu senden und im Jahresverlauf eine maßvolle Zinserhöhung einzuleiten, so Treier.

Angesichts der hohen Inflation will die US-Notenbank rasch die Zinswende einleiten und danach die aufgeblähte Bilanz eindampfen. Die Federal Reserve erklärte am Mittwochabend, eine Erhöhung der Zinsen sei bald angebracht. Laut Fed-Chef Jerome Powell stehen die Währungshüter für eine Straffung im März bereit, wenn es die Bedingungen erfordern. Weitere Anhebungen im Laufe des Jahres dürften folgen.

Die EZB kommt nächsten Donnerstag zu ihrer ersten Zinssitzung in diesem Jahr zusammen. Ihre Präsidentin Christine Lagarde schließt bislang eine Abkehr von der Nullzinspolitik noch in diesem Jahr aus, obwohl die Inflationsrate aktuell mit 5,0 Prozent so hoch ist wie noch nie. Am europäischen Geldmarkt wird allerdings damit gerechnet, dass sich die EZB doch Ende des Jahres bewegt und den Leitzins anhebt.


© Reuters 2022
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