Die Aufspaltung von Konglomeraten geht an der Börse häufig mit Wertschöpfung einher. Durch die Trennung einzelner Geschäftsbereiche gewinnen Unternehmen an Transparenz und werden in der Regel höher bewertet. Auch Siemens folgte dieser Logik: Zwischen 2018 und 2020 entstanden mehrere eigenständige Einheiten, darunter Siemens Healthineers und Siemens Energy.
Einige Jahre nach diesen Abspaltungen fällt die Bilanz jedoch unterschiedlich aus. Während Siemens Healthineers in den vergangenen drei Jahren deutlich an Wert verloren hat (–28 %), ist Siemens Energy regelrecht explodiert – mit einer Performance von +680 %. Dies verdeutlicht einen grundlegenden Stimmungsumschwung bei Investoren.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Dabei waren die Ausgangsbedingungen alles andere als ideal. Siemens Energy übernahm zunächst wenig profitable Vermögenswerte, insbesondere im Windgeschäft über Siemens Gamesa Renewable Energy. Die Schwierigkeiten in diesem Segment belasteten sowohl die Profitabilität als auch die Glaubwürdigkeit des Konzerns erheblich. Die vollständige Übernahme im Jahr 2022 markierte jedoch einen Wendepunkt: Sie signalisierte eine klare strategische Neuaufstellung und leitete die Erholung des Aktienkurses ein.
Seither hat sich die Wahrnehmung am Markt deutlich gewandelt. Siemens Energy profitiert heute von mehreren strukturellen Wachstumstreibern: der Energiewende, der Elektrifizierung der Netze und – zunehmend – einer indirekten Exponierung gegenüber der Künstlichen Intelligenz. Denn der Ausbau von KI-Anwendungen geht mit einem stark steigenden Bedarf an Energieinfrastruktur einher, wodurch das Unternehmen zu einer Art „Proxy“ für diesen Technologietrend geworden ist.
Ein ambitioniertes Bewertungsniveau
Die Neubewertung wirft jedoch eine zentrale Frage auf: Wie weit kann diese Entwicklung noch tragen? Der Auftragsbestand ist mit zuletzt 146 Milliarden Euro (laut Reuters) beeindruckend und sorgt für hohe Visibilität. Allerdings scheint ein Großteil dieser positiven Perspektiven bereits im Kurs eingepreist zu sein.
Die Bewertung wirkt entsprechend angespannt. Auf Basis der Ergebnisse von 2025 wird die Aktie mit dem 62-Fachen der Gewinne gehandelt – ein Niveau, das deutlich über dem europäischer Wettbewerber wie Vestas oder Nordex liegt und eher an hoch bewertete Technologiewerte wie Nvidia erinnert. Gleichzeitig bewegt sich die Bewertung in etwa im Rahmen des US-Konkurrenten GE Vernova, der von einer ähnlichen Wachstumsstory getragen wird.
Dass Investoren bereit sind, diese Prämie zu zahlen, liegt an der hohen Erwartung dynamisch steigender Gewinne. Mit anderen Worten: Der Markt bewertet heute bereits die Erträge von morgen – und das zu einem sehr ambitionierten Preis.
Siemens Energy ist zweifellos ein zentraler Akteur der Energiewende, gestützt durch mehrere langfristige Wachstumstreiber. Ein Einstieg auf dem aktuellen Kursniveau bedeutet jedoch implizit, auf einen massiven Anstieg der Energienachfrage im Zuge des KI-Booms zu setzen.



















