Ein IPO (Initial Public Offering) bezeichnet den Moment, in dem ein bislang privates Unternehmen an die Börse geht. „Öffentlich“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht staatlich, sondern dass die Eigentümerstruktur für externe Investoren geöffnet wird. Vor dem Börsengang gehören die Anteile meist Gründern, Mitarbeitern oder Beteiligungsgesellschaften. Danach erweitert sich der Aktionärskreis, auch wenn weiterhin Ankeraktionäre oder Mehrheitsgesellschafter bestehen können. Gleichzeitig entsteht ein mehr oder weniger liquider Markt, auf dem Eigentumsanteile – die Aktien – gehandelt werden und durch Angebot und Nachfrage einen Börsenkurs erhalten.

Ein komplexer und eingespielter Prozess

Bevor ein Unternehmen an die Börse gehen kann, beginnt eine aufwendige Vorbereitungsphase. Diese ist langwierig, kostenintensiv und organisatorisch anspruchsvoll. Die interne Umstrukturierung eines Unternehmens für die Anforderungen einer Börsennotierung ist dabei bereits ein Großprojekt für sich.

Auf der Finanzseite wählt das Unternehmen mehrere Investmentbanken aus, die als Konsortialbanken oder Underwriter fungieren. Für die geplante SpaceX-Emission werden beispielsweise Goldman Sachs, Morgan Stanley, JPMorgan, Bank of America und Citigroup als potenzielle Begleiter genannt. Ihre Aufgabe besteht darin, das Unternehmen umfassend zu analysieren, den Börsenprospekt zu erstellen und vor allem institutionelle Investoren nach ihrer Nachfrage zu befragen.

Dieser Prozess wird als Roadshow bezeichnet. Das Management reist dabei mehrere Wochen lang durch Finanzzentren wie New York, London, Paris oder Singapur und präsentiert das Unternehmen potenziellen Investoren. Auf Basis dieser Gespräche erstellen die Banken das sogenannte Orderbuch: Wer möchte wie viele Aktien zu welchem Preis kaufen? Aus dieser Nachfrage ergibt sich letztlich der Emissionspreis.

Vier Dinge, die man über Börsengänge wissen sollte

1. Das Geld fließt nicht immer an das Unternehmen

Eine der häufigsten Fehlannahmen besteht darin, dass ein Börsengang automatisch eine Kapitalerhöhung bedeutet. Tatsächlich muss zwischen neu ausgegebenen und bereits bestehenden Aktien unterschieden werden.

Werden neue Aktien geschaffen, fließt das Kapital in das Unternehmen. Es kann damit investieren, Schulden abbauen oder seine Expansion finanzieren. Verkaufen dagegen bestehende Aktionäre einen Teil ihrer Anteile, erhält das Unternehmen keinen Cent – der Erlös geht direkt an die Verkäufer.

In vielen Fällen werden beide Varianten kombiniert. Das Unternehmen beschafft frisches Kapital, während frühe Investoren oder Gründer gleichzeitig einen Teil ihrer Beteiligung zu Geld machen. Der frei handelbare Anteil am Kapital – der sogenannte Streubesitz – setzt sich dann aus neu emittierten und bereits bestehenden Aktien zusammen.

2. Die größten Gewinner sitzen meist schon vorher im Boot

Damit stellt sich die Frage, wer von einem Börsengang tatsächlich profitiert. Die ehrliche Antwort lautet: zunächst diejenigen, die bereits investiert waren.

Frühe Investoren bei SpaceX oder OpenAI haben über Jahre hohe Risiken getragen. Gründer und Führungskräfte haben ihre Unternehmen aufgebaut. Für sie stellt der Börsengang häufig einen teilweisen oder vollständigen Liquiditätsausstieg dar. Mitarbeiter können ihre Aktienoptionen verkaufen, und die Investmentbanken verdienen Gebühren, die schnell dreistellige Millionenbeträge erreichen können.

Privatanleger kommen dagegen meist erst am Ende der Kette zum Zug. Bei großen US-Börsengängen werden die Aktien zunächst institutionellen Investoren zugeteilt, die am Bookbuilding-Prozess teilgenommen haben. Private Anleger erwerben die Titel häufig erst nach Handelsbeginn am Sekundärmarkt – zu Preisen, die deutlich über oder unter dem Emissionspreis liegen können.

Zwar bieten einige Broker inzwischen Zugang zu IPO-Zuteilungen, doch für europäische Privatanleger bleibt der Kauf nach Handelsstart der Regelfall.

3. Was bedeutet eine „IPO im Wert von 1.000 Mrd. US-Dollar“?

Eine weitere häufige Verwechslung betrifft den Unterschied zwischen Unternehmensbewertung und Kapitalaufnahme.

Wenn OpenAI bei seinem Börsengang mit 1.000 Mrd. US-Dollar bewertet wird, bedeutet dies nicht, dass 1.000 Mrd. US-Dollar den Besitzer wechseln. Vielmehr ergibt sich dieser Wert aus dem Emissionspreis multipliziert mit der Gesamtzahl der ausstehenden Aktien.

Es handelt sich also um die Marktbewertung des gesamten Unternehmens – und diese kann sich bereits wenige Minuten nach Handelsbeginn deutlich verändern.

Gleichzeitig könnte OpenAI im Rahmen des Börsengangs neue Aktien ausgeben und beispielsweise 50 Mrd. US-Dollar frisches Kapital aufnehmen. In diesem Fall würden in den Medien oft beide Zahlen auftauchen: eine Bewertung von 1.000 Mrd. US-Dollar und eine Kapitalerhöhung über 50 Mrd. US-Dollar. Wer die Berichterstattung verfolgt, sollte daher genau unterscheiden, auf welche Kennzahl sich die jeweilige Zahl bezieht.

4. Sind Börsengänge automatisch gute Investments?

Die Geschichte großer Technologie-IPOs lehrt vor allem eines: Demut.

Facebook startete zunächst enttäuschend, entwickelte sich später jedoch zu einer der erfolgreichsten Aktien des vergangenen Jahrzehnts. Uber und Lyft wurden mit großem Medienrummel an die Börse gebracht und notierten anschließend über Jahre hinweg unter ihren Emissionskursen.

Der aktuelle KI-Boom hat jedoch ein besonders spekulatives Umfeld geschaffen. Cerebras, das Mitte Mai am Nasdaq debütierte, stieg vom Emissionspreis von 185 US-Dollar am ersten Handelstag bis auf 367 US-Dollar. Wenige Tage später lag die Aktie bei rund 290 US-Dollar. Anleger, die zum Ausgabepreis zeichnen konnten, erzielten damit innerhalb kurzer Zeit einen Gewinn von 57 %. Wer hingegen am Höchststand kaufte, lag bereits rund 21 % im Minus.

Ähnlich verlief die Entwicklung bei CoreWeave. Seit dem Börsengang im März 2025 stieg die Aktie zeitweise von 40 US-Dollar auf 187 US-Dollar und notierte am 20. Mai bei etwa 101 US-Dollar.

Auch in Europa fällt die Bilanz gemischt aus. Die jüngste Großemission von Verisure entwickelte sich bislang enttäuschend und notiert deutlich unter dem Ausgabepreis von 2025. Gleichzeitig zeigt das Beispiel Silex, dessen Kurs sich nach dem Börsengang im Mai 2026 innerhalb weniger Tage verdreifachte, dass die Spekulationsbereitschaft im Halbleitersektor auch hier sehr hoch ist.

SpaceX und OpenAI heben Börsengänge auf eine neue Ebene

Mit SpaceX und OpenAI stehen möglicherweise die spektakulärsten Börsengänge der jüngeren Geschichte bevor. Für OpenAI wird eine Bewertung von mehr als 1.000 Mrd. US-Dollar diskutiert – ungefähr so viel wie das jährliche Bruttoinlandsprodukt der Schweiz.

Bei SpaceX kursieren sogar Schätzungen zwischen 1.500 und 2.000 Mrd. US-Dollar, verbunden mit einer möglichen Kapitalaufnahme von 80 Mrd. US-Dollar. Zum Vergleich: Der bisherige Rekordhalter Saudi Aramco erreichte beim Börsengang 2019 eine Bewertung von rund 1.700 Mrd. US-Dollar, nahm dabei jedoch „nur“ 25,6 Mrd. US-Dollar ein.

Im Gegensatz zu Aramco, dessen Geschäft auf dem Ölmarkt basiert, sind SpaceX und OpenAI in Branchen aktiv, deren langfristige Wachstumsfantasie nahezu grenzenlos erscheint. Obwohl beide Unternehmen derzeit noch nicht nachhaltig profitabel sind, dürften sie eine beispiellose Begeisterung auslösen und weit über den eigentlichen Börsengang hinaus Impulse für die Aktienmärkte setzen.

Dennoch gilt eine alte Börsenweisheit auch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz: Eine faszinierende Geschichte ist noch keine Investmentthese. Allerdings scheint der Markt derzeit oft lieber gute Geschichten zu kaufen als die Zahlen in den Excel-Modellen zu analysieren.