Investoren wollen weiterhin an KI glauben. Das ist die erste große Geschichte dieser Woche. Sie möchten weiterhin daran glauben, dass der Technologie-Trade den Markt vorantragen kann – ganz gleich, was sonst in der Welt geschieht. Genau deshalb ist die Nvidia-Konferenz in dieser Woche so wichtig. Ebenso die Ergebnisse von Micron und Foxconn. Der Markt verlangt den Beweis, dass KI nicht nur teuer ist, sondern auch dauerhaft Bestand hat und im täglichen Geschäft tatsächlich Nutzen stiftet. Diese Frage wird über der gesamten Woche schweben – wie ein hell leuchtendes, surrendes Server-Rack.
Doch die zweite Geschichte ist die eigentlich entscheidende. Der Ölpreis bewegt sich derzeit zwischen etwa 100 und 105 Dollar pro Barrel. Die Straße von Hormus bleibt stark gestört. Die Vereinigten Staaten haben am Wochenende die Insel Kharg angegriffen – ein Standort von zentraler Bedeutung für Irans Ölexporte. Washington versucht nun, eine internationale Koalition zu schmieden, um die Schifffahrt durch die Meerenge zu sichern. Die öffentliche Begeisterung anderer Länder dafür hält sich bislang in Grenzen. Alle sind sich einig, dass eine sichere Passage wünschenswert wäre. Deutlich weniger Staaten scheinen bereit zu sein, sich tatsächlich dafür zu engagieren.
Die kommende Woche dürfte sich um genau diese heikle Situation drehen. Zentralbanken von Washington über Tokio und London bis Frankfurt kommen zusammen, während sich die Weltwirtschaft gleichzeitig mit zwei widersprüchlichen Fragen konfrontiert sieht. Schwächt sich das Wachstum ab? Und steht die Inflation kurz davor, wieder anzuziehen?
Normalerweise können politische Entscheidungsträger auf ein Problem nach dem anderen reagieren. Wenn der Arbeitsmarkt nachlässt, können sie die Zinsen senken. Wenn die Inflation steigt, können sie die Geldpolitik straffen oder zumindest auf dem aktuellen Niveau halten. Ein Energieschock jedoch bringt dieses Drehbuch durcheinander, denn höhere Ölpreise wirken wie eine Steuer für die Weltwirtschaft. Sie belasten die Haushalte, erhöhen die Kosten für Unternehmen und erschweren jede Hoffnung auf eine schnelle geldpolitische Lockerung. Genau deshalb gilt es als sehr unwahrscheinlich, dass die Federal Reserve in dieser Woche handeln wird.
Die Märkte haben ihre Erwartungen entsprechend angepasst. Die Prognosen für Zinssenkungen der Fed wurden weiter nach hinten verschoben. Noch vor kurzem rechneten Investoren damit, dass eine erste Senkung bereits im Juli möglich sein könnte. Inzwischen deutet die Wette der Märkte eher auf einen Zeitpunkt später im Jahr hin – nach Oktober. In Europa haben sich die Erwartungen sogar noch stärker verschoben: Händler bewegen sich dort inzwischen von Zinssenkungshoffnungen hin zur Möglichkeit von Zinserhöhungen. Wirklich überzeugt klingt dabei allerdings niemand.
Und dennoch haben sich US-Aktien besser gehalten als viele internationale Vergleichsmärkte, weil die Vereinigten Staaten weiterhin über zwei Puffer verfügen, die anderen Volkswirtschaften fehlen. Erstens sind die USA Nettoexporteur von Öl, was einen Teil der Belastung durch höhere Rohölpreise abfedert. Zweitens haben sich genau jene Technologiewerte, die zuvor stark unter Druck geraten waren, wieder ausreichend erholt, um zu verhindern, dass die großen Indizes noch schlechter aussehen.
Die gestrige Sitzung spiegelte diese fragile Logik wider. Energieaktien legten zu. Kryptobezogene Titel stiegen im Einklang mit dem Bitcoin. Reise- und Tourismuswerte hielten sich stabil, statt einzubrechen. Die Renditen von US-Staatsanleihen gaben nach, da sich die Aufmerksamkeit der Investoren stärker auf die Federal Reserve richtete. Der Dollar blieb stark. Gold gab nach. Aluminium blieb dagegen auf erhöhtem Niveau, weil der Konflikt im Nahen Osten inzwischen nicht nur den Ölmarkt, sondern auch die Lieferketten für Metalle und Rohstoffe stört. Bahrain hat bereits einen Teil seiner Aluminiumproduktion eingefroren, um seine Lagerbestände zu schonen.
Der Krieg im Nahen Osten wäre für sich genommen bereits eine ernsthafte makroökonomische Bedrohung. Doch er fällt in ein Jahr, das ohnehin schon überladen wirkt. Investoren haben in den ersten zehn Wochen des Jahres 2026 bereits eine Kaskade von Sorgen durchlebt: geopolitische Schocks, Unsicherheit über Zölle, Risiken im Private-Credit-Sektor, Umbrüche durch KI und Zweifel an der Stärke des Arbeitsmarkts. Das erste Quartal hatte bislang das emotionale Tempo eines ganzen Jahrzehnts. In diesem Tempo dürfte bis April jeder an der Wall Street Anspruch auf eine Ehrenpension haben.
Private Credit ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich diese Risiken gegenseitig verstärken. Der Sektor ist in den vergangenen Jahren rasch gewachsen und galt lange als komfortabel. Nun zeigen sich erste kleine Risse. Solange die Wirtschaft weiterläuft, lassen sich diese Spannungen bewältigen. Doch wenn das Wachstum deutlich nachlässt, nehmen Zahlungsausfälle zu, die Liquidität verengt sich – und aus einer begrenzten Sorge kann schnell ein systemisches Problem werden.
Solche Situationen hat der Markt bereits erlebt. Im Jahr 2022 mussten Investoren gleichzeitig Inflation, Krieg und aggressive Zinserhöhungen verdauen. Im vergangenen Jahr flammten Rezessionsängste und Zollstreitigkeiten auf, nur damit einige der düstersten Szenarien später wieder entschärft wurden, als sich die politische Lage veränderte und die Investitionen in KI robust blieben. Aktienmärkte erholen sich oft nicht deshalb, weil die Welt wieder einfach wird, sondern weil sich die Realität als etwas weniger schlimm erweist als befürchtet.
Das könnte auch diesmal geschehen. Wenn sich der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus wieder normalisiert, könnten die Ölpreise nachgeben. Wenn die Zentralbanken ruhig bleiben, ohne Panik zu verbreiten, könnte dies das Vertrauen der Investoren stärken. Und wenn die Ausgaben für KI weiterhin echtes Wachstum hervorbringen – statt nur gigantische Rechnungen –, könnte der Technologiesektor weiterhin als Stabilitätsanker fungieren.
Dax stabilisiert sich zum Start in die dritte Kriegswoche – Commerzbank nach UniCredit-Vorstoß gefragt
Die Anleger an Europas Aktienmärkten bleiben zu Beginn der dritten Woche des Kriegs im Nahen Osten vorsichtig. Nach den jüngsten Verlusten stabilisierte sich der Dax zum Wochenauftakt leicht und gewann 0,8 Prozent auf 23.642 Punkte. Der MDax der mittelgrossen Werte notierte 0,8 Prozent im Plus bei 29.040 Zählern. Auch der EuroStoxx 50 notierte mit 5.755 Zählern etwas fester. Damit beginnt für den Dax erstmals seit Ausbruch des Konflikts eine Kriegswoche ohne deutliche Kursverluste zum Start, was die Hoffnung nährt, dass sich die Lage im Iran in absehbarer Zeit etwas entschärfen könnte.
Im Fokus der Einzelwerte stand die Commerzbank. Ein förmliches Übernahmeangebot der italienischen UniCredit soll das zweitgrößte börsennotierte deutsche Geldhaus an den Verhandlungstisch bringen. Die Commerzbank-Aktien sprangen zeitweise über 9 Prozent nach oben und steuerten damit auf den höchsten Tagesgewinn seit gut einem Jahr zu. Die Titel der UniCredit gaben dagegen zwischenzeitlich um 2,6 Prozent nach. Am Markt wurde das freiwillige Umtauschangebot als taktisch kluger Schritt gewertet, weil es den Druck auf das Management der Commerzbank und auf die Bundesregierung erhöht.
Bayer gehörten mit einem Kursplus von 4,4 Prozent ebenfalls zu den stärksten Werten im Dax. Rückenwind kam von einer Kaufempfehlung der UBS: Sie sieht inzwischen ein Chancenübergewicht bei der Lösung der Glyphosatprobleme und hält die jüngste Kursschwäche der Leverkusener für eine attraktive Einstiegsgelegenheit. Zudem zeigt sie sich im Pharmageschäft optimistisch für die wichtigsten Wachstumstreiber.
Gefragt blieben zudem Rüstungswerte. Vor dem Hintergrund des Kriegs im Nahen Osten stieg ein breit gefasster europäischer Branchenindex in der Spitze um rund ein Prozent. Die Aktien von Hensoldt legten zeitweise um mehr als fünf Prozent zu. Rückenwind kam von einer Hochstufung durch Kepler Cheuvreux auf „Halten“ nach zuvor „Verkaufen“. Die Analysten verwiesen auf den wachsenden Markt für Luftverteidigung und erwarten für 2027 eine Beschleunigung des Wachstums - hielten die Aktie trotz des besseren Ausblicks aber weiterhin für ambitioniert bewertet.























