Die EZB wies die Berichte umgehend zurück und erklärte in einer Mitteilung, die Präsidentin habe „keine Entscheidung“ über einen möglichen vorzeitigen Abgang getroffen.

Bereits im Mai vergangenen Jahres hatte die Financial Times über ein mögliches vorzeitiges Ausscheiden Lagardes berichtet und darauf verwiesen, dass die Notenbankchefin ihren Posten früher verlassen könnte, um die Leitung des Weltwirtschaftsforums zu übernehmen.

Dem heute veröffentlichten Artikel der britischen Tageszeitung zufolge würde ein Rücktritt Christine Lagardes die Möglichkeit eröffnen, einen Nachfolger noch vor der französischen Präsidentschaftswahl zu bestimmen. Damit läge die Entscheidung in den Händen von Emmanuel Macron, der selbst nicht erneut kandidieren kann, während die Partei "Rassemblement National (RN)" in den Umfragen führt.

Drei zum Preis von einem?

Das Personalkarussell bei der EZB gewinnt jedenfalls an Dynamik. Vier der sechs Mitglieder des Direktoriums werden bis Ende 2027 aus dem Amt scheiden: Luis de Guindos (Mai 2026), Philipp Lane (Mai 2027), Christine Lagarde (Oktober 2027) und Isabel Schnabel (Dezember 2027).

Die Mitglieder des EZB-Direktoriums werden für eine einmalige, nicht verlängerbare Amtszeit von acht Jahren ernannt. Die Entscheidung treffen die Staats- und Regierungschefs der Länder des Euroraums.

Ein vorzeitiger Abgang der EZB-Präsidentin könnte somit eine umfassende Verhandlungsrunde auslösen, in der zugleich die Nachfolge von Lagarde, Lane und Schnabel geregelt würde. Bereits im Januar wurde Boris Vujcic, Gouverneur der kroatischen Notenbank, als Nachfolger des derzeitigen EZB-Vizepräsidenten Luis de Guindos nominiert.

Es zeichnet sich damit eine anspruchsvolle Verhandlungsphase unter den europäischen Regierungschefs ab. Deutschland, Frankreich und Spanien werden jeweils bestrebt sein, einen Sitz im EZB-Direktorium zu sichern. Gleichwohl erscheint es wahrscheinlich, dass der EZB-Vorsitz weder an Deutschland fällt – das bis 2029 den Vorsitz der Europäischen Kommission innehat – noch an Frankreich, das mit Jean-Claude Trichet und Christine Lagarde bereits zweimal den Präsidenten stellte.

Einer im Januar von der Financial Times unter europäischen Ökonomen durchgeführten Umfrage zufolge gelten zwei ehemalige Notenbankchefs als Favoriten für die Nachfolge Lagardes: Pablo Hernández de Cos, Gouverneur der spanischen Notenbank von 2008 bis 2014, sowie Klaas Knot, Präsident der niederländischen Zentralbank von 2011 bis 2025.

Ein Szenario mit Klaas Knot an der Spitze würde vermutlich den Rücktritt seines Landsmanns Frank Elderson nach sich ziehen, der noch bis Dezember 2028 Mitglied des EZB-Direktoriums ist.