Die US-Aktienfutures deuteten vor Börsenbeginn auf steigende Kurse hin, angeführt vom Nasdaq und gestützt durch die Stärke bei Halbleiterwerten. Marvell, Micron, Intel und Qualcomm legten im vorbörslichen Handel allesamt zu. Der Grund: Die Nachfrage nach Rechenzentren und KI-Infrastruktur bleibt robust, zugleich fielen die Ergebnisse besser aus als erwartet. Da die Berichtssaison nahezu abgeschlossen ist, wird das Gewinnwachstum im ersten Quartal inzwischen auf rund 29 % gegenüber dem Vorjahr geschätzt – deutlich mehr als die 16,1 %, die vor einem Monat erwartet worden waren, wie Reuters unter Berufung auf LSEG-Daten berichtet.

Doch der Optimismus wirkt fragil. Öl bleibt der offensichtlichste Belastungsfaktor. Brent, das zuvor in der Hoffnung auf Fortschritte bei einer Vereinbarung mit dem Iran und einer Wiederöffnung der Schifffahrtswege durch die Straße von Hormus deutlich gefallen war, verteuerte sich heute Morgen um rund 2 % auf etwa 98 US-Dollar. Washington und Teheran signalisieren offenbar Fortschritte: Trump sagte, die Gespräche liefen „gut“, während Außenminister Marco Rubio andeutete, ein Abkommen könne noch einige Tage dauern. Der Iran wiederum strebt Berichten zufolge die Freigabe von eingefrorenen Mitteln in Höhe von 24 Mrd. US-Dollar an. Die jüngsten US-Schläge im Süden Irans, unter anderem gegen Raketenabschussanlagen und Schiffe, die an Minenlegeaktionen beteiligt gewesen sein sollen, erinnern jedoch daran, dass jederzeit alles kippen kann.

Der größere Punkt ist: Der KI-Trade ist längst keine rein amerikanische Geschichte mehr. Der stark technologielastige Aktienmarkt Taiwans hat Indien beim Börsenwert überholt. Südkorea zog zuletzt an Großbritannien vorbei und legte heute kräftig zu. Hinter dem weiterhin dominierenden US-Markt wird die globale Aktienlandkarte neu gezeichnet – rund um Chips, Auftragsfertiger, Server und Rechenzentren. Europa hat dagegen nur ein Unternehmen unter den 20 wertvollsten Konzernen der Welt: ASML. Nimmt man Roche hinzu, sind es zwei unter den Top 40. Das sagt viel darüber aus, wo Anleger die Zukunft entstehen sehen.

Daneben steht die Fed vor einem leiseren, aber wichtigen Streit um die Bankenaufsicht. Laut von Reuters zitierten Quellen drängen Wall-Street-Banken die Notenbank dazu, jüngste Änderungen in der Aufsicht so zu verankern, dass künftige Regierungen sie schwerer zurückdrehen können. Im Zentrum stehen sogenannte „matters requiring attention“, kurz MRAs – ein Instrument, mit dem Aufseher Banken zwingen, Schwächen im Risiko- und Kontrollmanagement zu beheben. Unter dem neuen Ansatz von Fed-Vizechefin für Bankenaufsicht Michelle Bowman sollen MRAs schwerwiegenderen finanziellen Risiken vorbehalten bleiben, während weniger dringende Punkte über weichere „observations“ adressiert würden.

Die Banken argumentieren, Aufseher hätten MRAs zu häufig eingesetzt und das Management mit Nebenthemen abgelenkt. Sie verweisen auf die Silicon Valley Bank, die vor ihrem Zusammenbruch 19 offene MRAs hatte, von denen viele nicht auf die Kernprobleme zielten, die letztlich zu ihrem Scheitern führten. Kritiker halten dagegen, ein zu starker Übergang zu informellen Beobachtungen könne Schutzmechanismen schwächen – gerade in einer Weltwirtschaft, die ohnehin unter politischem, inflationärem und marktseitigem Stress steht.

Die heutigen Daten zum US-Verbrauchervertrauen werden von den Anlegern genau beobachtet. Höhere Benzinpreise drücken meist auf die Stimmung der Haushalte, selbst wenn deren Depots besser aussehen. Bei den Einzelwerten sprang Joyy nach besser als erwarteten Erlösen im ersten Quartal an. Pony AI legte zu, nachdem das Unternehmen Pläne zur Ausweitung seiner Robotaxi-Flotte angekündigt hatte.

Europas Börsen legen nach Rally eine Pause ein

Europas Börsen zeigen sich am Dienstagmittag zurückhaltender. Die Euphorie des Vortages ist einer nüchterneren Einschätzung der Lage rund um den Iran gewichen. Der DAX verliert 0,6 % auf 25.234 Punkte, nachdem er am Pfingstmontag dank der Hoffnung auf ein baldiges Ende des Iran-Kriegs wieder über die Marke von 25.000 Punkten gestiegen war und zeitweise 25.438 Punkte erreicht hatte. Das Rekordhoch aus dem Januar bei 25.507 Punkten rückte damit in greifbare Nähe. Ohne Impulse von der feiertagsbedingt geschlossenen Wall Street reichte es jedoch nicht für eine neue Bestmarke. Der MDax mit den mittelgrossen Werten gibt 0,36 % auf 32.691 Punkte nach, der Euro-Stoxx-50 fällt um 0,9 % auf 6.084 Punkte.

In dem von Gewinnmitnahmen geprägten Markt geraten vor allem die stark gelaufenen Technologiewerte unter Druck. Chipaktien verlieren europaweit rund 1 %. Infineon geben zuletzt 0,7 % auf 76,17 Euro nach und zählen damit zu den schwächeren DAX-Werten. Zwar wurde das Kursziel für die Aktie von 58 auf 60 Euro angehoben, zugleich aber die Einschätzung von „Halten“ auf „Verkaufen“ gesenkt. Begründet wird dies damit, dass die klare Verbesserung der Fundamentaldaten bereits im Kurs enthalten sei und die Aktie deutlich über dem revidierten Kursziel notiere. Auch ASML fallen um 1,9 %, Aixtron und Suss Microtec stehen ebenfalls unter Druck. Gefragt sind dagegen Bergbauwerte, deren Sektor rund 1 % zulegt.

Weitere Analystenkommentare bewegen einzelne Titel: Merck verlieren nach der jüngsten Erholung 1,5 % auf 128 Euro. Bei der Bewertung gehen die Einschätzungen auseinander: Während eine Seite die Aktie bei einem Kursziel von 129 Euro nun neutral einstuft, hält eine andere sie weiterhin für unterbewertet. Wacker Chemie rutschen im MDax um 3,2 % auf 97,50 Euro ab. Zwar wurde das Kursziel von 84 auf 104 Euro angehoben, zugleich aber die Einstufung von „Buy“ auf „Neutral“ gesenkt. Nach der kräftigen Erholung gelte der weitere Spielraum als begrenzt; Zeitpunkt und Ausmass einer weiteren Gewinnerholung seien schwer berechenbar. Grand City Properties verlieren 1 %, nachdem das Kursziel deutlich gesenkt und die Kaufempfehlung gestrichen wurde. Belastend wirken hier die geringe Aktienliquidität nach der Anteilsaufstockung durch Aroundtown sowie anhaltender Ergebnisdruck.

Fresenius Medical Care treten zuletzt auf der Stelle, nachdem die Aktie am Morgen mit mehr als 1 % Plus noch die DAX-Gewinnerliste angeführt hatte. Der Dialysekonzern hat ein neues Aktienrückkaufprogramm über rund 1 Milliarde Euro beschlossen. Es soll kurzfristig starten und innerhalb von zwölf Monaten in Tranchen umgesetzt werden. Fresenius hatte erst kürzlich ein Rückkaufprogramm in gleicher Höhe abgeschlossen.

Der grösste Verlierer in Europa ist Ferrari mit einem Minus von 6,6 % nach der Vorstellung des ersten Elektroautos. Im Handel werden deutliche Zweifel an den Absatzchancen laut. Das Design des Ferrari „Luce“ wecke ungünstige Erinnerungen an das gescheiterte Rebranding von Jaguar vor rund zwei Jahren und erinnere eher an japanische Mittelklassemodelle als an einen klassischen Ferrari.