Die jüngste Wendung im Nahostkonflikt, der die Finanzmärkte in Atem hält und die Energiepreise künstlich hoch treibt, ist ebenso schwer zu durchschauen wie die vorherigen. Donald Trump hat das Ende der Waffenruhe mit dem Iran nun auf unbestimmte Zeit verschoben, obwohl die ursprünglich für gestern und heute geplanten Gespräche offenbar abgesagt wurden. Der Grund? Teheran sei angeblich nicht in der Lage, akzeptable Unterhändler zu benennen, da das Regime „ernsthaft gespalten“ sei – eine Einschätzung, die angesichts der zahlreichen ausgeschalteten Führungspersönlichkeiten seit Beginn des Konflikts plausibel erscheint. Teheran wiederum hält die US-Forderungen für unangemessen und verbreitet parallel eine Flut mehr oder weniger gelungener ironischer Memes in den sozialen Netzwerken.
Während sich ein Großteil der Kommentare auf die jüngsten Kurswechsel Donald Trumps konzentriert – die kaum überraschen –, bleibt die Schließung der Straße von Hormus der eigentliche Auslöser der größten makroökonomischen Verwerfungen. Der Druck auf Energiepreise, Düngemittel sowie zahlreiche weitere Rohstoffe nimmt weiter zu. Der Brent-Preis überschritt vor wenigen Stunden kurzzeitig die symbolische Marke von 100 USD je Barrel, fiel kurz darauf jedoch wieder auf 97 USD zurück. Die Nachrichtenagentur der Revolutionsgarden meldete, die USA könnten bereit sein, ihre Position zu lockern, um die Meerenge wieder zu öffnen. Propaganda bleibt damit auf allen Seiten allgegenwärtig. Für zusätzliche Unsicherheit sorgte zudem Donald Trumps Hinweis, die US-Marine habe ein Schiff mit Waffenlieferungen aus China in Richtung Iran abgefangen. Das wirft die Frage auf, ob Xi Jinping eine ambivalentere Rolle spielt, als offiziell eingeräumt wird.
Der erneute Anstieg der Unsicherheit spiegelt sich deutlich im Volatilitätsindex VIX wider. Nach acht Handelstagen in Folge mit Rückgängen zwischen dem 8. und 17. April ist der Index in den vergangenen zwei Sitzungen wieder gestiegen. Dahinter steht weniger die Sorge vor einer Ausweitung des Konflikts als vielmehr die Angst vor einem stärkeren Angebotsschock, der sich in höheren Preisen und damit in der Inflation niederschlägt. Entsprechend reagierten auch die Aktienmärkte, deren Indizes zuletzt ebenfalls nachgaben. Wie schon seit mehreren Wochen trifft es Europa stärker als die USA – aus zwei Gründen: Erstens ist der Kontinent deutlich stärker vom Thema Energie abhängig, da er wesentlich mehr Öl importiert. Zweitens fehlt es Europa an großen börsennotierten Technologiekonzernen, die zuletzt einen wesentlichen Teil der Marktdynamik in den USA – und teilweise auch in Asien – getragen haben. Seit Montag liegt die Performance des Nasdaq 100 im Jahr 2026 wieder vor der des STOXX Europe 600 (+4,9 % gegenüber +4,1 %), nachdem der breite europäische Index am 30. März noch rund 7 % vorne lag.
Dennoch sind auch die USA keineswegs gegen den Ölpreisschock immun – und Donald Trump ist sich dessen bewusst. Am 21. April 2026 kostet das Tanken in Washington 67 % mehr als noch am 17. Februar. Sieben Monate vor den Midterm-Wahlen ist das politisch brisant. Das Weiße Haus versucht gegenzusteuern, etwa durch Lockerungen bei Embargos und maritimen Vorschriften, bislang jedoch mit kaum spürbarem Effekt.
Im Fokus des heutigen Börsentages steht eine lange Liste von Unternehmenszahlen in Europa und den USA. In Europa richten sich die Blicke auf ABB, L'Oréal, EssilorLuxottica, Danone, Carrefour und Flatexdegiro bevor in den USA Tesla, GE Vernova und IBM folgen. Der makroökonomische Kalender ist dagegen vergleichsweise dünn. Auf Seiten der Notenbanken wird laut einem gut informierten Bericht der Financial Times nicht erwartet, dass die EZB Ende des Monats an der Zinsschraube dreht. In den USA verlief die Anhörung von Kevin Warsh als wahrscheinlichem Nachfolger von Jerome Powell an der Spitze der Fed alles andere als reibungslos, auch wenn er sie insgesamt ordentlich überstand. Warsh kombinierte beruhigende Aussagen zur Unabhängigkeit der Fed vom Weißen Haus mit einer klareren politischen Positionierung, etwa indem er sich weigerte zu bestätigen, dass Donald Trump die Wahl 2020 verloren hat, und den Inflationsanstieg nach Covid geldpolitischen Fehlern zuschrieb. Gleichzeitig machte er keinen Hehl daraus, dass er einen deutlichen Kurswechsel gegenüber der aktuellen Geldpolitik anstrebt – was die Finanzmärkte kaum überraschen dürfte.
Der Handel im asiatisch-pazifischen Raum zeigt ein gemischtes Bild ohne klare Richtung. Hongkong verliert 1,3 %, belastet von Kursverlusten großer chinesischer Technologiewerte wie Alibaba, da Zweifel an deren Fähigkeit bestehen, die hohen KI-Investitionen in nachhaltige Gewinne umzuwandeln. Japans Nikkei 225 rutschte letztlich leicht ins Minus (-0,4 %), während sich der südkoreanische KOSPI besser behauptete (+0,5 %). Indien (-0,6 %) und Australien (-1 %) verzeichneten deutlichere Rückgänge. Für Europa wird ein leicht freundlicher Handelsstart erwartet, während die US-Futures klar im Plus liegen – ein weiteres Zeichen dafür, dass die Wall Street geneigt ist, die jüngsten Spannungen bereits wieder auszublenden.
Wirtschaftliche Höhepunkte:
Die gesamte Agenda gibt es hier.
- EUR / USD: 1,18 $
- Gold: 4.762,9 $
- Rohöl (Brent): 97,81 $
- Anleihe Vereinigte Staaten 10 Jahre: 4,29 %
- BITCOIN: 77.967,4 $
In den Nachrichten:
- Deutsche Telekom prüft laut Bloomberg eine vollständige Fusion mit ihrer Tochter T-Mobile.
- Nestlé und Keurig Dr Pepper haben ihre Vertriebsvereinbarung für Starbucks K-Cups in Nordamerika verlängert.
- Lufthansa streicht im Rahmen ihrer Sommer-Optimierungsstrategie 20.000 Flüge.
- HSBC hat laut Bloomberg Allianz, Dai-ichi Life und Sumitomo für den Verkauf ihres Versicherungsgeschäfts in Singapur ausgewählt.
- Safilo hat eine exklusive Vereinbarung zur Übernahme von Spy+ und Serengeti unterzeichnet.
- ABB Ltd, TE Connectivity, Nordea Bank, Sandvik, Reckitt Benckiser, EQT, Svenska Handelsbanken, Alfa Laval und Akzo Nobel veröffentlichen heute ihre Geschäftszahlen.
- United Airlines hat wegen steigender Treibstoffkosten die Prognose für den Nettogewinn 2026 gesenkt.
- Adobe hat ein neues Aktienrückkaufprogramm über 25 Milliarden Dollar angekündigt.
- Coinbase und Gemini werden von New York verklagt. Robinhood gerät in diesem Zusammenhang ebenfalls unter Druck.
- Netflix verhandelt laut Berichten über den Kauf eines historischen Filmstudio-Geländes in Los Angeles, das derzeit den Gläubigern gehört.
- Meta beginnt mit dem Bau eines neuen Rechenzentrums im Wert von 1 Milliarde Dollar in Tulsa.
- Tesla bringt in Indien eine sechssitzige Version des Model Y auf den Markt.
- Microsoft senkt die Preise für Xbox-Abonnements.
- Tesla, GE Vernova, Philip Morris International, IBM, AT&T, Boeing, Vertiv, CME Group und ServiceNow legen heute ihre Geschäftszahlen vor.
Weitere Nachrichten von Unternehmen, die in Deutschland notiert sind, finden Sie hier.
Analystenempfehlungen:
- Kardex Holding Ag: AlphaValue/Baader Europe gibt eine Akkumulieren-Empfehlung mit einem Kursziel von 316 CHF ab.
- Bawag Group Ag: Mediobanca hält an seiner Outperform-Empfehlung fest und reduziert das Kursziel von 194 auf 187 EUR.
- Traton Se: Bernstein hält an seiner Marktperformance-Empfehlung fest und reduziert das Kursziel von 36 auf 35 EUR.
- Redcare Pharmacy Nv: Barclays hält an seiner Übergewichtungs-Empfehlung fest und senkt das Kursziel von 110 auf 70 EUR.
- Ubs Group Ag: Citi hält an seiner neutralen Empfehlung fest und erhöht das Kursziel von CHF 31,50 auf CHF 33.
- Infineon Technologies Ag: Goldman Sachs hält an seiner Kaufempfehlung fest und erhöht das Kursziel von 49 auf 53 EUR.
- Accelleron Industries Ag: UBS hält an seiner Kaufempfehlung fest und erhöht das Kursziel von CHF 81 auf CHF 92.
- Sap Se: HSBC stuft von Halten auf Kaufen mit einem von 187 EUR auf 182 EUR reduzierten Kursziel.
- Beiersdorf: Deutsche Bank hält an seiner Halte-Empfehlung fest und senkt das Kursziel von 105 auf 80 EUR.























