Die US-Verbraucherpreise stiegen im Mai gegenüber dem Vormonat um 0,5 % und entsprachen damit exakt den Erwartungen. Auf Jahressicht lag die Inflation bei 4,2 % und damit ebenfalls im Rahmen der Prognosen. Die Kerninflation, bei der die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel ausgeklammert werden, erhöhte sich um 2,9 % gegenüber dem Vorjahr und traf ebenfalls die Konsensschätzungen. Die einzige positive Überraschung lieferte die monatliche Kernrate, die mit 0,2 % etwas niedriger ausfiel als die erwarteten 0,3 %.
Unter normalen Marktbedingungen hätte dies für Erleichterung gesorgt. Die Inflation fiel nicht höher aus als befürchtet, und die Kernrate zeigte sogar eine leichte Abschwächung. Dennoch blieben die US-Futures nach Veröffentlichung der Daten im Minus. Die Futures auf den Dow Jones verloren 0,6 %, jene auf den S&P 500 0,5 % und die Nasdaq-100-Futures 0,7 %.
Der Grund: Die beruhigenden Inflationsdaten reichen nicht aus, um die Sorgen über hoch bewertete Technologiewerte, wachsende Zweifel am KI-Boom, hohe Energiepreise und die erneuten Kämpfe zwischen den USA und dem Iran zu verdrängen. Eine Inflationsrate von 4,2 % liegt weiterhin deutlich über dem Ziel der US-Notenbank. Auch die Kerninflation von 2,9 % ist zwar ein Fortschritt, aber noch nicht niedrig genug, um der Federal Reserve einen überzeugenden Anlass für Zinssenkungen zu liefern.
An erster Stelle steht derzeit der Technologiesektor. Die große KI-Rally verläuft längst nicht mehr geradlinig. Nvidia, Broadcom und Micron standen bereits vor Handelsbeginn unter Druck, während die Halbleiterbranche insgesamt von starken Kursschwankungen geprägt ist. Der Halbleiter-ETF SOXX schaffte es zuletzt sogar, innerhalb einer einzigen Sitzung zunächst deutlich zu steigen, anschließend noch stärker zu fallen und letztlich im Minus zu schließen.
Das Umfeld hoher Zinsen verschärft diese Problematik zusätzlich. Wenn Finanzierungskosten niedrig sind, können Anleger geduldig auf zukünftige Gewinne warten. Bleiben die Zinsen jedoch länger hoch, verlieren diese zukünftigen Erträge an Gegenwartswert. Besonders problematisch wird das für Unternehmen, deren Bewertungen bereits heute von einem nahezu perfekten Wachstumsszenario ausgehen.
In diesem Zusammenhang richtet sich der Blick auf Oracle. Die nach Börsenschluss erwarteten Quartalszahlen werden als wichtiger Praxistest für die reale KI-Wirtschaft betrachtet. Oracle vereint mehrere zentrale Marktthemen: ein etabliertes Softwaregeschäft, das seine Relevanz im KI-Zeitalter beweisen muss, milliardenschwere Infrastrukturinvestitionen und eine steigende Verschuldung.
Das zweite große Problem für die Märkte ist die geopolitische Lage. Die erneuten militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran haben die Risiken im Nahen Osten wieder in den Fokus gerückt.
Berichten zufolge griffen die Vereinigten Staaten iranische Ziele an, nachdem ein US-Apache-Kampfhubschrauber abgeschossen worden war. Der Iran reagierte darauf mit Angriffen in der Region, unter anderem in Bahrain, Kuwait und Jordanien. Die scharfe Rhetorik von US-Präsident Donald Trump verstärkt zusätzlich den Eindruck, dass es sich nicht nur um einen kurzfristigen Zwischenfall handelt. Die Folge zeigt sich am Ölmarkt. Der Brent-Preis notiert inzwischen wieder über 90 US-Dollar je Barrel und erreichte zeitweise sogar rund 93 US-Dollar.
Die Börsen hatten sich lange darauf verlassen, dass die Fed bei Problemen unterstützend eingreifen würde. Doch wenn die Inflation über dem Ziel bleibt und gleichzeitig die Energiepreise steigen, schrumpft der Handlungsspielraum der Notenbank. Sie kann das Wachstum stützen oder die Inflation bekämpfen. Beides gleichzeitig wird deutlich schwieriger, wenn geopolitische Konflikte die Rohstoffpreise nach oben treiben.
Unter der Oberfläche des Marktes vollzieht sich deshalb bereits eine sektorale Umschichtung. Während Technologiewerte ins Straucheln geraten, zeigen sich defensivere Bereiche wie Gesundheitswesen, Basiskonsumgüter, Immobilien und Teile des Einzelhandels deutlich robuster. Davon profitiert insbesondere der Dow Jones. Der Index enthält zahlreiche etablierte Unternehmen wie Coca-Cola, Procter & Gamble, McDonald's, Johnson & Johnson, UnitedHealth oder Home Depot. Diese Konzerne erzeugen vielleicht nicht die gleiche Begeisterung wie KI-Chiphersteller, doch in einem nervösen Marktumfeld kann gerade Verlässlichkeit zu einem knappen Gut werden.
Dax rutscht auf Dreiwochentief – KI-Zweifel belasten Softwarewerte
Der deutsche Aktienmarkt bleibt unter Druck. Der Dax fiel auf den tiefsten Stand seit mehr als drei Wochen und rutschte zeitweise sogar unter seine 200-Tage-Linie, die als wichtiger Indikator für den langfristigen Trend gilt. Zuletzt notierte der Leitindex 0,5 % tiefer bei 24.301 Punkten. Auch die zweite Börsenreihe geriet unter Verkaufsdruck: Der MDax verlor 0,7 % auf 31.415 Zähler. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 gab 0,3 % nach. Für zusätzliche Verunsicherung sorgten wieder aufkommende Zweifel an der Nachhaltigkeit des Booms rund um Künstliche Intelligenz.
Besonders deutlich zeigte sich die Skepsis bei Technologie- und Softwarewerten. Anleger trennten sich vor allem von Unternehmen, deren Geschäftsmodelle durch den zunehmenden Einsatz von KI-Anwendungen unter Druck geraten könnten. SAP verloren 4,9 % und gehörten damit zu den größten Verlierern im Dax. Auch Nemetschek büßten 3,2 % ein. In Europa standen zudem Temenos mit einem Minus von 2,6 % und Sage mit einem Abschlag von 2,3 % auf den Verkaufslisten der Investoren.
Im Fokus blieb außerdem die Commerzbank. Die Aktien drehten nach anfänglichen Gewinnen ins Minus und verloren zuletzt 1,7 %. Hintergrund ist die fortschreitende Beteiligungsaufstockung der italienischen Großbank Unicredit. Diese bezifferte ihren Anteil an der Commerzbank auf 37,7 % und wies Vorwürfe zurück, bei der Darstellung ihrer Positionen mit irreführenden Zahlen zu arbeiten. Einschließlich bestimmter Instrumente mit physischer Abwicklungsoption liege die direkte Beteiligung sogar bei rund 40,9 %, teilte Unicredit mit. Künftig wollen die Italiener täglich offenlegen, wie viele Aktien ihnen angedient wurden.
Für positive Akzente sorgte dagegen Heidelberger Druckmaschinen. Der Maschinenbauer kündigte an, die im vergangenen Geschäftsjahr verfehlte Verbesserung der Profitabilität nun nachholen zu wollen. Bei einem stabil erwarteten Umsatz stellt das Unternehmen für das laufende Geschäftsjahr eine spürbare Verbesserung der bereinigten Marge in Aussicht. Die Aktie reagierte mit einem Kurssprung von 5,6 %. Auch Adidas setzte seine jüngste Erholung fort und gewann weitere 1 %, nachdem RBC die Aktie auf „Outperform“ hochgestuft hatte. Gleichzeitig entzog das Analysehaus dem Wettbewerber Nike seine bisherige Kaufempfehlung.
Unter Druck standen dagegen Krones und Beiersdorf. Die Aktien des Herstellers von Getränkeabfüllanlagen verloren 2,8 %, obwohl das Unternehmen sowohl seine Prognose für 2026 als auch die Mittelfristziele bis 2028 bestätigte. Bei Beiersdorf sorgte eine Abstufung durch Barclays für Gegenwind; die Papiere gaben 1,2 % nach. Der Konsumgüterkonzern Unilever profitierte hingegen von einer bestätigten Kaufempfehlung und einem leicht erhöhten Kursziel durch dieselbe Bank. Die Aktie stieg in London um 0,8 %.





















