Die Internationale Energieagentur versuchte in dieser Woche, die Märkte zu beruhigen, indem sie die Freigabe von 400 Millionen Barrel aus den strategischen Reserven der Mitgliedstaaten vorschlug – die größte Notfallfreigabe, die jemals in Betracht gezogen wurde. Unter normalen Umständen würde eine solche Ankündigung die Ölpreise nach unten drücken. Stattdessen stieg Brent unmittelbar nach Bekanntwerden des Plans zunächst um etwa drei Dollar je Barrel.

Der Grund ist relativ einfach: Die Freigabe signalisiert Händlern, dass Regierungen davon ausgehen, dass die Störung länger andauern könnte. Und der Ölmarkt funktioniert über tägliche Angebotsströme – nicht nur über Lagerbestände in unterirdischen Speichern. Wenn, wie Citigroup schätzt, zwischen 11 und 16 Millionen Barrel pro Tag aus dem Persischen Golf faktisch fehlen, können Notfallreserven den Schock zwar abmildern, ihn aber nicht ausgleichen.

Die entscheidende Verkehrsader ist natürlich die Straße von Hormus – der wichtigste Öltransitkorridor der Welt. Ihre faktische Blockade hat die Versorgung bereits unter Druck gesetzt. Ein weiteres Warnsignal folgte, als zwei Tanker in irakischen Hoheitsgewässern getroffen wurden, was Brent erneut in Richtung der Marke von 100 Dollar pro Barrel trieb. Die Botschaft des Marktes wird immer schwerer zu übersehen: Selbst wenn weiterhin physische Lieferungen stattfinden, treibt allein die Kriegsrisikoprämie die Ölpreise nach oben.

Deshalb konnten auch die auf den ersten Blick moderaten Inflationsdaten aus den Vereinigten Staaten die Investoren nur kurzzeitig beruhigen. Die Kerninflation (Core CPI) für Februar fiel auf den niedrigsten Stand seit fünf Jahren – unter ruhigeren Umständen wäre das eine erfreuliche Nachricht gewesen. Doch wenn der Energieschock anhält, könnte die Inflation in den kommenden Monaten problemlos wieder anziehen. Die langfristigen Inflationserwartungen wirken derzeit noch relativ stabil – vermutlich, weil Investoren davon ausgehen, dass die Federal Reserve langfristig alles Notwendige unternehmen wird, um die Inflation unter Kontrolle zu halten.

Ein Teil dieses Optimismus beruht auf der Annahme, dass der Konflikt schnell enden wird. Diese Erwartung wurde durch Äußerungen von Donald Trump in dieser Woche gestützt, der erklärte, der Krieg könne „sehr bald“ vorbei sein und gegenüber Axios sogar sagte, in Iran gebe es im Grunde nichts mehr zu zerstören.

Doch Kriege sind keine Handelskonflikte. Ein Präsident kann eine Zollmaßnahme ankündigen und sie später wieder zurücknehmen. Ein regionaler Konflikt mit globalen Konsequenzen funktioniert jedoch nicht wie ein Lichtschalter.

Die iranischen Revolutionsgarden erklärten ihrerseits, sie – und nicht Trump – würden entscheiden, wann der Konflikt ende. Natürlich war kaum etwas anderes zu erwarten. Dennoch sollte diese Aussage nicht vorschnell abgetan werden. Selbst ein geschwächtes iranisches Regime könnte weiterhin über Monate hinweg in der Lage sein, den Schiffsverkehr und Energieinfrastrukturen zu stören. Investoren überschätzen möglicherweise den Einfluss Washingtons auf Ereignisse, die inzwischen eine eigene Dynamik entwickelt haben.

Zugleich sind die wirtschaftlichen Folgen ungleich verteilt. Europa, das stärker von steigenden Energiepreisen betroffen ist, wurde bereits härter getroffen als die Vereinigten Staaten. Führende deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognosen für 2026 gesenkt und gewarnt, dass die Auswirkungen höherer Energiepreise auf die wirtschaftliche Aktivität drücken werden. Auch in Asien geraten die Märkte unter Druck: Tokio verlor 1,5 %, und der MSCI Asia Pacific Index gab um 1,6 % nach. Die Belastungen breiten sich vom Ölmarkt zunehmend auf die gesamte Weltwirtschaft aus.

Dennoch ist bislang nicht die übliche Flucht in klassische defensive Sektoren zu beobachten. In früheren geopolitischen Schocks floss Kapital häufig massiv in Konsumgüter- und Gesundheitswerte. Dieses Muster ist diesmal deutlich weniger ausgeprägt. Zu den größten Verlierern zählen stattdessen Branchen, die direkt unter höheren Treibstoffkosten leiden, etwa Fluggesellschaften und Kreuzfahrtunternehmen. Energiewerte halten sich naturgemäß besser, während Unternehmen mit hoher Abhängigkeit vom Konsum oder von Zinssensitivität verwundbarer erscheinen.

Man könnte argumentieren, dass der Markt rational reagiert. Die Weltwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren überraschend widerstandsfähig gezeigt, und unter Trump haben sich Investoren daran gewöhnt, dass Krisen schneller abklingen, als es die Schlagzeilen vermuten lassen.

Doch zahlreiche Risiken zeichnen sich ab. Kredite werden von Nichtbanken an private Unternehmen vergeben und anschließend in Produkte gebündelt, deren Bewertung – sagen wir – mit einem gewissen Maß an Optimismus erfolgt. In jüngster Zeit häufen sich jedoch die Anzeichen von Spannungen. Morgan Stanley hat die Rücknahmen in einem seiner Private-Credit-Fonds begrenzt. JPMorgan hat einige Kredite in Private-Credit-Portfolios abgewertet. Berichte werfen Fragen darüber auf, wie manche Kreditgeber schwache Vermögenswerte bewerten und ob Probleme in den Portfolios eher kaschiert als gelöst werden.

Wenn Ihnen das entfernt bekannt vorkommt, ist das kein Zufall. Finanzsysteme neigen dazu zu entdecken, dass Intransparenz profitabel sein kann – zumindest bis zu dem Moment, in dem sie es nicht mehr ist. Eine längere Phase höherer Ölpreise und weniger Zinssenkungen würde den Druck auf ohnehin stark verschuldete Kreditnehmer zusätzlich erhöhen. Die Geschichte, die sich derzeit abzeichnet, könnte daher nicht nur von Krieg und Inflation handeln. Sie könnte ebenso von Krieg, Inflation – und einem Kreditmarkt geprägt sein, der sich jahrelang darauf verlassen hat, dass Geld billig genug bleibt, um zahlreiche schlechte Gewohnheiten zu überdecken.

Dax hält sich trotz Öl-Anstieg stabil – Zalando und Rüstungswerte wieder gefragt

Der Dax hat am Donnerstag in einem Umfeld wieder steigender Ölpreise nur moderat nachgegeben. Unterstützung kam von mehreren positiv aufgenommenen Unternehmensberichten. Der deutsche Leitindex verlor am Nachmittag zum Start des US-Handels 0,3 Prozent auf 23.564 Punkte. Eine stärkere Annäherung an das Montagstief bei 22.927 Punkten, die am Morgen noch befürchtet worden war, blieb damit aus. Der MDax sank nur knapp auf 29.411 Punkte, während der EuroStoxx 50 mit minus 0,8 Prozent etwas deutlicher nachgab.

Gefragt waren vor allem Einzelwerte mit überzeugenden Geschäftszahlen oder optimistischen Ausblicken. Zalando führten den Dax mit einem Kurssprung von 12 Prozent an, gestützt von besser als erwarteten Zahlen, einem angekündigten Aktienrückkaufprogramm und zuversichtlichen Zielen. Auch Daimler Truck legten mit plus 4,4 Prozent deutlich zu. Zwar enttäuschte der Ausblick zunächst, doch ein solides viertes Quartal und positive Aussagen zur Auftragslage überwogen. Nach Zahlen stiegen zudem Brenntag, RWE und Hannover Rück um zwei bis drei Prozent. Hannover Rück punktete mit einer höheren Dividende als erwartet, RWE mit einem gut aufgenommenen langfristigen Ausblick, Brenntag mit der Ankündigung eines verschärften Sparkurses. Auch Rüstungswerte waren gefragt: Rheinmetall gewannen 2,4 Prozent, nachdem sie am Mittwoch acht Prozent nachgegeben hatten. Hensoldt legte um 3,9 Prozent und Renk um 2,6 Prozent zu. In Mailand sprangen Leonardo nach einer deutlichen Prognoseanhebung bis auf ein Rekordhoch von 66,26 Euro und legten 9,6 Prozent zu. Der europäische Rüstungsindex stieg um 1,7 Prozent.

Unter Druck standen dagegen vor allem Finanzwerte. Sie litten europaweit unter Sorgen, dass hohe Energiepreise die Konjunktur belasten und Kreditrisiken steigen lassen könnten. Zunehmend rückt dabei das Szenario einer Stagflation in den Fokus – also schwaches Wachstum bei zugleich hoher Inflation. Die Aktien der Deutsche Bank verloren 5,4 Prozent. BMW gaben nach der Zahlenvorlage um 1,2 Prozent nach, konnten ihre anfänglichen Verluste aber etwas verringern. Am breiten Markt fiel K+S mit einem Kurssprung von 12 Prozent auf. Die Titel profitierten weiter von ihrer Attraktivität im Umfeld des Iran-Kriegs, da wichtige Kapazitäten am Kalimarkt aus dem Nahen Osten stammen. Zudem kamen die Jahresziele des Düngemittelkonzerns gut an. Der Kurs stieg auf den höchsten Stand seit September 2023.