Prosus ist eine Tochtergesellschaft von Naspers, einem traditionsreichen südafrikanischen Konzern mit über hundertjähriger Geschichte. Mit dem Aufstieg der Digitalisierung hatte die Muttergesellschaft frühzeitig begonnen, in den Technologiesektor zu investieren.

Der große Coup gelang mit Tencent: Aus einer Investition von 30 Millionen US-Dollar im Jahr 2001 ist inzwischen ein Anteil von etwa 20 % am chinesischen Tech-Riesen geworden – heute rund 160 Milliarden Euro wert.

Prosus wurde 2019 an der europäischen Börse notiert – zum einen, um die Bewertungsdifferenz zwischen dem Mutterkonzern Naspers und seiner Tencent-Beteiligung zu verringern, zum anderen, um eine einzigartige Plattform für Technologie-Assets einem breiteren Investorenkreis zugänglich zu machen.

Lange Zeit (und vielleicht noch immer) galt Prosus als ein rabattierter Tencent-Proxy. Denn obwohl die Holdinggesellschaft Dutzende von Unternehmen mit teils hoher Nutzerzahl bündelt, erwirtschafteten nur wenige davon nennenswerte Umsätze. Der Bewertungsabschlag war also typisch für eine klassische Holdingstruktur – ein Makel, den das heutige Management nun abzulegen versucht.

Der Konzernabschluss von Prosus folgt einem bekannten Muster: Jahr für Jahr hohe operative Verluste, die durch Gewinnanteile aus Beteiligungen und Aktienverkäufe mehr als ausgeglichen werden.

Doch Prosus hofft, dieses Kapitel nun endgültig hinter sich zu lassen: Zum ersten Mal seit dem Börsengang weist der Konzern für das Geschäftsjahr ein positives operatives Ergebnis aus – ebenso wie einen freien Cashflow (Free Cash Flow) außerhalb der Tencent-Beteiligung.

Tencent… und was noch?

Lange Zeit galten die übrigen Vermögenswerte von Prosus nur als teure Versprechen. Ein gewisser Bewertungsabschlag auf den Gesamtwert war daher durchaus gerechtfertigt.

Doch seit dem Amtsantritt von CEO Fabricio Bloisi vor rund eineinhalb Jahren hat sich die Strategie grundlegend gewandelt. Prosus will sich in eine operative Tech-Gesellschaft verwandeln, mit Fokus auf E-Commerce in den Hauptmärkten Europa, Lateinamerika und Indien. In diesem Zuge wurde im vergangenen Sommer der Chief Investment Officer abgelöst.

Wer die neue Ausrichtung jenseits von Tencent verstehen will, muss in Ökosystemen denken. Der Konzern positioniert sich in einigen Kernsegmenten des Onlinehandels: Essenslieferungen, Kleinanzeigenportale, Zahlungsplattformen und digitale Bildungsinhalte.

Ziel ist es, diese Aktivitäten innerhalb jeder Region über gemeinsame Technologiebausteine zu verbinden – etwa Zahlungslösungen, Logistik, Dateninfrastruktur oder künstliche Intelligenz –, um Synergien zu heben und letztlich die Rentabilität zu steigern.

Ein Beispiel: Südamerika

Prosus hält hier iFood, einen führenden Anbieter für Essenslieferungen und Onlinehandel. Jüngst wurde das Engagement durch den Kauf von Despegar – dem Marktführer für Online-Reisen in der Region – für 1,7 Milliarden Euro ausgebaut. Hinzu kommt OLX, weltweiter Marktführer für Kleinanzeigen, mit regionalen Ablegern. Auch Payment- und Kreditplattformen gehören zum Portfolio. Nur sechs Monate nach der Integration von Despegar stammen bereits 5 % von dessen Umsatz aus Empfehlungen durch iFood.

Dieses Modell will Prosus nun auch in Indien und Europa etablieren. Auf dem alten Kontinent gilt Just Eat Takeaway als neue Speerspitze im Bereich Essenslieferungen. Zudem wurde die französische Autoanzeigenplattform La Centrale für 1,1 Milliarden Euro in das OLX-Netzwerk integriert. Auch andere Unternehmen gehören zum europäischen Portfolio, etwa eMAG – die führende E-Commerce-Plattform in Rumänien mit Präsenz in Mittel- und Osteuropa.

Das Rückgrat dieser gesamten Ökosystem-Strategie ist die künstliche Intelligenz – sie definiert, was Prosus heute ist.

Eine Marktkapitalisierung über dem Wert der Tencent-Beteiligung?

Noch immer fließen die Mittel für Aktienrückkäufe primär aus den Dividenden von Tencent. Prosus hat ein unbefristetes Rückkaufprogramm gestartet – kein geringes Unterfangen. Tatsächlich war Prosus in den vergangenen Jahren das Tech-Unternehmen mit dem höchsten Anteil an zurückgekauften Aktien weltweit. Dieses aggressive Programm hat die NAV je Aktie um 18 % steigen lassen – im Vergleich zu einem Szenario ohne Rückkäufe.

Die nächste Etappe ist die Emanzipation aus dem Schatten von Tencent – Prosus soll eine eigene Geschichte schreiben. Die zentrale Frage lautet nun: Gelingt es dem Konzern, seine dominanten Marktpositionen in attraktive Kapitalrenditen zu verwandeln?

CEO Fabricio Bloisi jedenfalls wurde für diese Transformation ein außergewöhnlicher Anreiz in Aussicht gestellt: Er erhält einen Bonus von 100 Millionen Euro – unter zwei Bedingungen. Erstens muss er die kombinierte Marktkapitalisierung von Prosus und Naspers bis zum 30. Juni 2028 verdoppeln. Zweitens muss er die Medianrendite einer Peer-Gruppe beim Gesamtertrag für Aktionäre übertreffen. Wer an ihn glaubt, folgt ihm.