Die Schweiz stimmt am 14. Juni in einem Referendum darüber ab, ob die Bevölkerungszahl auf 10 Millionen Menschen begrenzt werden soll. Die Abstimmung, die von einigen als 'Schweizer Brexit' bezeichnet wird, alarmiert zahlreiche Unternehmen, die im Falle einer Annahme der Vorlage schwere wirtschaftliche Schäden befürchten.

Die Befürworter der Deckelung, angeführt von der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), argumentieren, dass das Bevölkerungswachstum die lokale Infrastruktur, Strassen und den öffentlichen Verkehr an ihre Grenzen bringe sowie Mieten und Kriminalität in die Höhe treibe.

Unternehmen und Arbeitgeberverbände sorgen sich hingegen, dass ein 'Ja' den Zugang der Schweiz zu Fachkräften einschränken und die Beziehungen zur Europäischen Union, dem wichtigsten Exportmarkt des Landes, beschädigen könnte.

'Als Schweizer Bürger bin ich sehr besorgt um die Zukunft unseres Landes und seinen Wohlstand', sagte Martin von Moos, CEO der Luxushotels Belvoir in Rüschlikon und Sedartis in Thalwil bei Zürich.

'Wenn wir unser gesamtes ausländisches Personal verlieren würden, könnte das Hotel schlichtweg nicht mehr funktionieren', betonte er und verwies darauf, dass fast die Hälfte seiner 115 Mitarbeiter nicht aus der Schweiz stammt.

Jüngste Umfragen zeigen ein gespaltenes Meinungsbild: Zuletzt sprachen sich 47 % für und 52 % gegen die Initiative aus.

Die Schweizer Bevölkerung ist bis Ende 2025 auf 9,1 Millionen angewachsen, verglichen mit 7,3 Millionen im Jahr 2002, als die Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und der EU eingeführt wurde.

Ausländer machen heute fast 28 % der Bevölkerung aus.

'Die Schweiz ist ein kleines Land mit begrenztem Territorium und hat in den letzten Jahren das höchste Bevölkerungswachstum erlebt', sagte SVP-Nationalrat Yvan Pahud gegenüber Reuters.

Die Abstimmung ist das jüngste Beispiel dafür, wie rechte Parteien Ängste in Bezug auf Zuwanderung, Wohnraum und öffentliche Dienstleistungen instrumentalisieren - ein Phänomen, das bereits beim britischen EU-Austritt 2016 sowie beim Aufstieg von Parteien wie dem Rassemblement National in Frankreich oder der AfD in Deutschland zu beobachten war.

DECKELUNG KÖNNTE ZUM 'SHOWSTOPPER' WERDEN

Kritiker aus der Wirtschaft weisen auf den Schaden hin, den die Bevölkerungsobergrenze einer der widerstandsfähigsten Volkswirtschaften Europas zufügen könnte.

Molecular Partners, ein Biotech-Unternehmen mit Sitz in Zürich, bei dem mehr als die Hälfte der rund 120 Mitarbeiter keine Schweizer sind, gab an, dass es bereits jetzt schwierig sei, das benötigte Personal zu finden.

'Ich denke, wenn wir nur noch aus dem Schweizer Talentpool rekrutieren oder nur noch mit Schweizer Firmen zusammenarbeiten könnten, wäre das im Grunde ein Showstopper', sagte Daniel Steiner, Senior Vice President für zielgerichtete Radiotherapeutika bei dem Unternehmen.

'Wir könnten gezwungen sein, Bereiche aus der Schweiz abzuziehen.'

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes economiesuisse, bezeichnete die Deckelung als 'populistischen Versuch', komplexe Probleme mit einer simplistischen, künstlichen Grenze zu lösen.

'Es wird die Illusion einer einfachen Lösung verkauft, aber es wird weder unsere Wohnungs- noch unsere Verkehrsprobleme lösen', so Minsch.

Wie viele europäische Länder sieht sich auch die Schweiz mit einer alternden Gesellschaft konfrontiert.

Bis 2055 wird der Anteil der 20- bis 64-Jährigen an der Schweizer Bevölkerung laut Bundesamt für Statistik von 60 % auf 56 % sinken. Gleichzeitig wird der Anteil der über 65-Jährigen von derzeit 21 % auf 27 % steigen.

Gegner der Initiative argumentieren, dass viele Zuwanderer Unternehmer waren, die die Schweizer Wirtschaft vorangebracht haben. Sie verweisen auf namhafte Unternehmen wie Nestlé, Swatch und ABB, die entweder ganz oder teilweise von Ausländern gegründet wurden.

Laut einer Studie von Avenir Suisse aus dem Jahr 2023 waren 39 % aller Unternehmensgründer in der Schweiz Ausländer.

DÄMPFER FÜR DAS WACHSTUM

Referenden sind ein Eckpfeiler der Schweizer Politik; die Stimmbürger werden viermal im Jahr an die Urnen gerufen, um über nationale und regionale Themen zu entscheiden.

Nach dem aktuellen Vorschlag müsste die Regierung Massnahmen ergreifen, um ein Erreichen der 10-Millionen-Marke zu verhindern, sobald die Bevölkerung 9,5 Millionen überschreitet - ein Meilenstein, der für 2031 prognostiziert wird. Die 10-Millionen-Grenze würde voraussichtlich 2042 erreicht.

Bei Erreichen der 10 Millionen wäre Bern verpflichtet, internationale Abkommen zu kündigen, die das Bevölkerungswachstum fördern.

Dazu gehört auch das Abkommen mit der EU über die Personenfreizügigkeit - eine Bedingung des komplexen Geflechts bilateraler Verträge mit Brüssel, die dem Land den Zugang zum europäischen Binnenmarkt sichern.

Claude Maurer, Chefökonom des Forschungsinstituts BAK Economics, sagte, falls Bern die bilateralen Verträge aufgeben müsste, würde das Schweizer Wirtschaftswachstum zwischen 2028 und 2045 um 7,1 % niedriger ausfallen. Dies entspräche einem Verlust von 685 Milliarden Schweizer Franken (867 Milliarden Dollar).

Das Wachstum würde sich verlangsamen, während die durch Lohnsteigerungen getriebene Inflation höhere Zinssätze auslösen könnte, so Maurer.

Thomas Matter, ein weiterer SVP-Nationalrat und Bankier, tat diese Bedenken als Panikmache ab.

Nur jeder zehnte Einwanderer sei eine Fachkraft mit gefragten Qualifikationen, und das BIP-Wachstum pro Kopf sei seit der Zunahme der Zuwanderung gesunken, so Matter.

'Wir sind nicht gegen Einwanderung, aber sie muss massvoll und kontrolliert sein, damit wir die richtigen Leute ins Land holen', sagte er.

'Früher hatten wir eine qualitative Zuwanderung, heute haben wir eine quantitative. Die Schweiz ist immer noch so gross wie 1848, und immer mehr Menschen leben auf demselben Raum.'

Die Schweizer Branchenriesen Roche, Nestlé, ABB, UBS und Novartis haben die Deckelung allesamt kritisiert.

'Wir lehnen die Initiative ab', erkärte Roche und fügte hinzu, dass ein 'Ja' die Verträge mit der EU gefährden und den Fachkräftemangel verschärfen würde. 'Unternehmen sind auf den Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften angewiesen - insbesondere aus der EU.'

Hotelier von Moos, der auch dem Schweizer Hotelier-Verein vorsteht, warnte, dass einige Hotels zur Aufgabe gezwungen sein könnten, die Preise steigen würden und es für aussereuropäische Besucher schwieriger würde, in die Schweiz zu kommen.

'Wir nennen diese Initiative einen Wolf im Schafspelz. Es ist eine einfache Botschaft, die jedoch schwerwiegende Konsequenzen verbirgt.' (1 Dollar = 0,7902 Schweizer Franken)