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Streit zwischen United Internet und Telefónica eskaliert - Kurseinbruch

20.09.2020 | 15:59

MONTABAUR/MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der Streit über die Kosten zur Nutzung des Mobilfunknetzes von Telefónica Deutschland (O2) durch den Konkurrenten 1&1 Drillisch verschärft sich. 1&1 und dessen Mutterkonzern United Internet werfen der Tochter des spanischen Konzerns Telefónica vor, die Kosten für die Nutzung des Mobilfunknetzes bereits ab Juli vor Abschluss der laufenden Verhandlungen erheblich erhöht zu haben. Telefóncia Deutschland weist den Vorwurf zurück und sieht die Preiserhöhung durch Verträge und Vereinbarungen gedeckt.

Da 1&1 und United Internet offenbar nicht damit gerechnet haben, mussten beide Unternehmen am Samstag die Prognose für das operative Ergebnis im laufenden Jahr senken. Sie sehen zudem die Gefahr weiterer Gewinnrückgänge in den kommenden Jahren.

Für die Aktien von United Internet und 1&1 Drillisch ging es am Montag zum Handelsauftakt steil bergab. Die im MDax notierte United Internet fiel um 23 Prozent. Die Papiere der im Kleinwertesegment SDax enthaltenen 1&1 Drillisch brachen um 28,2 Prozent ein. Telefonica Deutschland konnte dagegen zunächst zulegen, gab im weiteren Verlauf jedoch ebenfalls leicht um 2,25 Prozent nach.

Für Ulrich Rathe vom Analysehaus Jefferies bedeutet der Preisdisput "ein unkalkulierbares Risiko" für das Geschäftsmodell von 1&1 Drillisch. Gleichwohl befänden sich 1&1 Drillisch und Telefónica Deutschland wohl weiter in konstruktiven Verhandlungen, sodass Letztere eher taktisch agiert haben könnten, schrieb er am Montag in einer Studie. Er blieb daher bei seiner Empfehlung, die Papiere von United Internet und 1&1 Drillisch zu halten und veränderte auch das Kursziel nicht.

Goldman-Sachs-Analyst Andrew Lee fürchtet dagegen angesichts des Preisdrucks einen jahrelangen Gewinnrückgang für United Internet und 1&1 Drillisch und senkte das Kursziel für die beiden Aktien.

Telefónica und 1&1 Drillisch streiten bereits seit längerem über die Preise für die Bereitstellung von Mobilfunkkapazitäten. Diese muss Telefónica Deutschland unter anderem als eine Auflage der Fusion mit E-Plus anbieten.

"1&1 Drillisch hält die von Telefónica ab 1. Juli 2020 geforderten Vorleistungspreise für nicht in Übereinstimmung mit den Selbstverpflichtungen von Telefónica unter der Freigabeentscheidung der EU-Kommission zum Zusammenschluss mit E-Plus", hieß es in der Mitteilung des Unternehmens vom Wochenende. Zudem liegen die Preise nach Darstellung von United Internet nicht im Rahmen des bisher bestehenden sogenannten MBA MVNO-Vertrags (Mobile Bitstream Access - Mobile Virtual Network Operator) mit Telefónica.

Hier laufe seit Juli die erste fünfjährige Verlängerungsphase, auch wenn es noch keine Einigung über Preise gäbe. Der in Montabaur beheimatete Konzern United Internet hält die in Rechnung gestellten Vorleistungspreise für Juli und August für nicht angemessen und will dagegen vorgehen. 1&1 stehe auch im Austausch mit der EU-Kommission.

In München, wo Telefónica Deutschland sitzt, sieht man das anders. Die 1&1 im Juli und August in Rechnung gestellten Preise basierten auf Grundlage des bestehenden Vertrags zur Nutzung des Mobilfunknetzes. "Dieser Vertrag wurde von 1&1 Drillisch im Dezember 2019 verlängert", teile Telefónica Deutschland am Sonntag auf Anfrage mit. Daher sei dies 1&1 seit langem bekannt. Telefónica Deutschland teilte in dem Zusammenhang mit, dass der Ausblick auf 2020 sowie die mittelfristige Planung stehen.

Ebenso wie 1&1 Drillisch behalte sich auch Telefónica Deutschland ihrerseits Maßnahmen zur Wahrung ihrer Rechte vor. Genau wie die Leistungserbringung sei auch die Rechnungsstellung nicht einfach auszusetzen, nur weil beide Parteien in Verhandlungen zu einer längerfristigen Nutzung im Rahmen einer sogenannten National-Roaming-Vereinbarung stünden. Innerhalb dieser soll die Nutzung des Mobilfunknetzes so lange geregelt werden, bis 1&1 selbst ein leistungsfähiges 5G-Netz aufgebaut hat.

Der Ausgang der laufenden Verhandlungen habe auch Auswirkungen auf den von 1&1 Drillisch geplanten Aufbau eines 5G-Netzes, hieß es bei United Internet weiter. Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica sowie 1&1 Drillisch haben für entsprechende Frequenzen des 5G-Netzes Milliarden auf den Tisch gelegt. Beim Ausbau ist Kooperation zwischen den Wettbewerbern gefragt, doch daran hakte es zuletzt. Anders als die Wettbewerber verfügt die United-Internet-Tochter 1&1 Drillisch bisher noch nicht über ein eigenes Mobilfunknetz. Da einige 1&1-Frequenzblöcke erst in einigen Jahren bereitstehen werden, mietet das Unternehmen bis dahin welche von Telefónica.

Ob und zu welchen Konditionen eine Einigung gelingt, ist nicht absehbar, teilte United Internet mit. Telefonica Deutschland erklärte, 1&1 habe bezüglich der Preisgestaltung weiter die vertraglich vereinbarte Möglichkeit, kommerzielle Konditionen über einen unabhängigen Gutachter in einem Preisrevisionsverfahren überprüfen zu lassen. Im ersten Verfahren sei dabei die Telefónica-Preisgestaltung von einem durch beide Parteien bestellten unabhängigen Gutachter Ende 2019 bestätigt worden

Weitere von 1&1 Drillisch initiierte Überprüfungsverfahren seien noch nicht abgeschlossen, zwei Verfahren wurden von 1&1 Drillisch im April 2020 zurückgenommen, so Telefonica Deutschland. Ebenso wie 1&1 Drillisch behalte sich auch Telefonica Deutschland Maßnahmen zur Wahrung ihrer Rechte vor.

United Internet und die Tochter 1&1 senkten wegen der Preiserhöhung die Prognosen. So erwartet das Unternehmen United Internet beim Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) im laufenden Jahr einen Rückgang auf 1,18 Milliarden Euro - und damit rund 86 Millionen Euro weniger als bisher. Bislang hatte das Unternehmen mit einem Ebitda von ungefähr 1,266 Milliarden Euro und damit auf Vorjahreshöhe gerechnet. "Außerdem wird es auch in den Folgejahren zu hohen Ergebnisrückgängen kommen, sollten die von Telefónica geforderten Preise dauerhaft anwendbar sein."

Für die Tochter 1&1 Drillisch wurde die Ebitda-Prognose für 2020 vorsorglich auf etwa 600 Millionen Euro reduziert. Hier wurde bisher ein Wert in Vorjahreshöhe von 683,5 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Auch hier drohen in den Folgejahren weiter sinkende Ergebnisse, sollte sich Telefónica Deutschland mit den Preisvorstellungen durchsetzen./zb/DP/fba/nas/ssc/jha/


© dpa-AFX 2020
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