Ottawa/Paris (Reuters) - Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat nach Reuters-Informationen beim kanadischen Ministerpräsidenten Justin Trudeau persönlich interveniert, um Flugzeugbauer wie Airbus von bestimmten Russland-Sanktionen zu befreien.

Macron habe "erhebliche Anstrengungen" unternommen, um Trudeau davon zu überzeugen, Ausnahmen bei der Verwendung des Werkstoffs Titanium für europäische Unternehmen zu gewähren, erfuhr Reuters von drei mit den Vorgängen vertrauten Personen. Titan ist wegen seiner Festigkeit und seines geringen Gewichts ideal für stark beanspruchte Jet-Komponenten wie das Triebwerk und Fahrwerke geeignet - etwa beim europäischen Hersteller Airbus, der hauptsächlich in Frankreich und Deutschland produziert. Größter Produzent des Werkstoffs für die Luft- und Raumfahrt ist das staatliche russische Unternehmen VSMPO-AVISMA.

Kanada hatte - für die Branche überraschend - zum zweiten Jahrestags des russischen Einmarsches in der Ukraine als erstes westliches Land Sanktionen erlassen, die es Airbus faktisch verboten hätten, Titan aus russischer Produktion zu verwenden. Ein kanadischer Insider sagte, besorgte Anrufe in Ottawa hätten "sofort, buchstäblich noch am selben Tag" begonnen. Ganz vorn mit dabei sei Airbus gewesen, auch über die französische Regierung. Alle Fahrwerke für das Airbus-Modell A350-1000 kommen aus einem Werk im kanadischen Ontario. Airbus habe zudem die Sorge gehabt, dass in Europa gebaute Langstrecken-Jets faktisch nicht mehr nach Kanada eingeführt werden dürften, sagte der Insider.

"VIELE BOTSCHAFTEN AUF ALLEN EBENEN"

Ein Kanada nahestehender Insider sagte, Macron habe das Thema in einem Telefonat mit Trudeau am 29. März im Vorfeld eines Besuchs des französischen Ministerpräsidenten Gabriel Attal angesprochen. Attal habe das bei seinem Besuch in Kanada dann wiederholt. Ein anderer Insider sagte, mindestens eine weitere europäische Regierung hat sich ebenfalls eingeschaltet, um die Lobbyarbeit zu unterstützen. "Viele Botschaften wurden auf allen Ebenen weitergegeben", sagte der Insider mit Verweis auf Druck sowohl von Diplomaten als auch von Unternehmen. "Ich denke, wenn die französische Regierung die Sanktionen nicht ständig auf dieses Niveau gehoben hätte, wären wir ziemlich standhaft geblieben", sagte der kanadische Insider.

Kanada hatte dann unter anderem Airbus eine Ausnahme von dem Verbot gewährt. Das löste in Kanada politischen Streit über die Sanktionspolitik aus und wurde vom ukrainischen Botschafter in Kanada scharf kritisiert. In Kanada lebt eine große und politisch aktive ukrainische Diaspora, und Trudeau hat seit Beginn des Krieges im Jahr 2022 eine eher harte Linie gegenüber Russland verfolgt. Damit lag er auf einer Linie mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der westliche Regierungen wiederholt aufgefordert hatte, strengere Wirtschaftssanktionen zu verhängen.

Die Büros von Macron und Trudeau wollten sich nicht zu dem Reuters-Bericht äußern. Bei Airbus hieß es, man halte sich an alle geltenden Sanktionen gegen Russland. Ende 2022 hatte der Konzern erklärt, es werde binnen "Monaten, nicht Jahren" auf russisches Titan verzichten.

ABKEHR VON RUSSISCHEM TITAN SCHWIERIG

Das Gerangel auf höchster Ebene zeigt, wie schwierig es für westliche Länder ist, Russland für seinen Krieg gegen die Ukraine zu bestrafen, ohne die Lieferketten eigener Industrien zu beschädigen, die Jahre im voraus planen müssen. Bei Titan ist die Umstellung auf andere Länder schwierig. Der Bau einer neuen Titanmühle dauere Jahre und dann müsse diese auch noch aufwendig zertifiziert werden, sagte Kevin Michaels, Geschäftsführer der Beratungsfirma AeroDynamic Advisory. Entsprechend hat der Westen Sanktionen gegen Moskau zwar grundsätzlich verschärft, den Zugang zu den Speziallegierungen und Schmiedeteilen der russischen VSMPO aber nicht blockiert.

Die kanadischen Sanktionen hätten auch dem Airbus-Rivalen Boeing schaden können. Der US-Flugzeughersteller sei aber dank einer separaten Ausnahmeregelung für den französischen Zulieferer Safran von Störungen verschont geblieben, sagten Branchen-Insider. Kanada hat sich nicht dazu geäußert, wann die Ausnahmeregelungen auslaufen sollen. Eine mit den Überlegungen vertraute Person sagte aber, der Industrie sei eine Frist von drei Jahre eingeräumt worden.

(Bericht von David Ljunggren in Ottawa, Allison Lampert in Montreal sowie Michel Rose und Tim Hepher in Paris. Geschrieben von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com)

- von David Ljunggren und Michel Rose und Allison Lampert und Tim Hepher