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Autoindustrie wegen schwerer SUVs in der Kritik

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09.09.2019 | 15:52

(Letzter Absatz nach Streitgespräch mit VW-Chef neu gefasst.)

FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt wird zunehmend zum Klima-Tribunal über die Autoindustrie. Noch nie zuvor waren zu der am Donnerstag (12. September) in Frankfurt beginnenden Automesse derart massive Proteste angekündigt wie in diesem Jahr. Im Zentrum der Kritik stehen nicht erst seit dem verheerenden Unfall von Berlin-Mitte mit vier getöteten Fußgängern die schweren Stadtgeländewagen - Sports Utility Vehicle (SUV) sagen die Befürworter, "Stadtpanzer" oder "Klimakiller" die Gegner. Ob sie herkömmliche Verbrennungsmotoren oder hochpotente Elektroantriebe unter der Haube haben, spielt kaum noch eine Rolle.

"Zu groß, zu schwer, zu klimaschädlich": Für Greenpeace steht außer Frage, dass SUVs im Widerspruch zum Pariser Klimaschutzabkommen stehen. Erstmalig könnten in diesem Jahr mehr als eine Million Neuwagen dieses Typs auf die deutschen Straßen rollen. "Auf der IAA werden Klimakiller gefeiert", sagt Sprecherin Marion Tiemann. Sie verlangt eine schnelle Umkehr: "Wollen die Hersteller nicht Teil des Problems bleiben, müssen sie schleunigst auf kleine, leichte, geteilte E-Autos setzen und Mobilität als Dienstleistung begreifen."

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat bislang versucht, mit den Kritikern ins Gespräch zu kommen. Einem Bürgerforum in Berlin folgt eine weitere Veranstaltung in Frankfurt während der IAA. Längst habe sich die Veranstaltung von einer Automesse hin zu einer Mobilitätsmesse gewandelt, sagt VDA-Präsident Bernhard Mattes. "Wir sind die Plattform für die individuelle Mobilität der Zukunft!", erklärte er am Montag. Das langfristige Ziel bleibe die CO2-neutrale individuelle Mobilität im Jahr 2050, zu dem man jetzt aufbreche.

Die weiter sinkenden Absatzzahlen vom weltweit wichtigsten Automarkt China passten am Montag in die angespannte Stimmung. Im August sind die Verkaufszahlen um 9,9 Prozent zum Vorjahresmonat auf 1,59 Millionen Autos gesunken, wie der chinesische Branchenverband PCA in Peking mitteilte. In der Krise sind die deutschen Hersteller wirtschaftlich noch stärker vom Erfolg ihrer SUVs abhängig. Bei BMW machten sie im August knapp die Hälfte der verkauften Autos aus und liefen selbst in China noch prächtig. "Unsere neuen X Modelle sind bei den Kunden sehr beliebt", jubelte Vertriebschef Pieter Nota.

Der VDA verweist auf die hohe Nachfrage der Kunden nach den SUVs. Die Unternehmen sollten statt Klimakillern und Rennlastern besser ein Feuerwerk alternativer Antriebe zeigen, verlangt Jürgen Resch, Chef des Vereins Deutsche Umwelthilfe (DUH). Wegen seiner erfolgreichen Luftreinhalte-Klagen ist er so etwas wie der Lieblingsfeind der deutschen Autoindustrie. Resch sieht die deutschen Hersteller bei den Elektromodellen weltweit im Hintertreffen, verlangt einen SUV-Verkaufstopp und einen Ausstieg aus der Verbrennertechnologie zum 1. Januar 2025.

Zusammen mit dem Verkehrsclub VCD, dem Allgemeinem Deutschen Fahrrad-Club ADFC, Greenpeace und weiteren Organisationen ruft die DUH für den kommenden Samstag (14. September) zu einer Fahrrad-Sternfahrt mit anschließender Großdemonstration auf, zu der die Frankfurter Polizei rund 20 000 Menschen erwartet. Allein die Anreise tausender Radler über die beiden Stadtautobahnen A648 und A661 dürfte den Verkehr im Rhein-Main-Gebiet sehr deutlich stocken lassen. Ohnehin gehören auch Tempolimits zu ihren Forderungen.

Erklärte Autogegner wie die unter Pseudonym auftretende Aktivistin Tina Velo jubilieren: "Die IAA wird mit Protesten belagert. Der jetzt geführte gesellschaftliche Diskurs ist der Beginn eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels." Die junge Frau vertritt das Bündnis "Sand im Getriebe", das nach der Fahrrad-Demo am kommenden Sonntag mit einigen hundert Mitstreitern mit Mitteln des "zivilen Ungehorsams" die IAA blockieren will.

Die Demonstranten sehen sich in der Protest-Tradition zahlreicher sozialer Bewegungen für Frauenrechte, gegen Apartheid, Braunkohle oder Atomkraftwerke. "Wir hätten heute 50 Atomkraftwerke in Deutschland stehen, wenn wir damals nicht an den Bauzäunen gerüttelt hätten", sagt Achim Heier vom Netzwerk Attac. Von einer ganz anderen, auf das Fahrrad zugeschnittenen Verkehrsinfrastruktur schwärmt ADFC-Chef Ludger Koopmann. Der Platz dafür müsse selbstverständlich vom Verkehrsträger Auto kommen.

Am Abend verteidigte VW-Chef Herbert Diess die Elektro- Strategie seines Konzerns. Das Unternehmen habe sich klar zum Ausbau der Elektromobilität verpflichtet, sagte Diess bei einem "taz"-Streitgespräch mit der Umweltaktivistin Velo. Es sei weit mehr als ein Feigenblatt, in einem Zeitraum von etwa zehn Jahren rund die Hälfte der Flotte auf elektrische Antriebe umzustellen. "Wir meinen das ernst", sagte Diess. Velo warf dem VW-Chef vor, keine Konzepte zum Umbau der Mobilität zu verfolgen und aus Profitgründen zu viele spritschluckende und klimaschädliche SUVs anzubieten./ceb/DP/zb

© dpa-AFX 2019

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