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China 'rettet' Autobauer - Keine neuen Verbrenner nach 2035?

27.09.2020 | 14:30

PEKING/MÜNCHEN (dpa-AFX) - Deutsche Autobauer müssen mehr tun, um bei der rasanten Entwicklung von Elektroautos mitzuhalten. In dem Boom auf dem "Leitmarkt" in China fehlen ihnen die Produkte, auch könnte die Wende zur E-Mobilität in Deutschland schneller kommen als bisher erwartet. So sprachen sich der Chef des Umweltbundesamtes (UBA), Dirk Messner, und auch CSU-Chef Markus Söder für ein Zulassungsverbot für Autos mit Verbrennungsmotoren wie in Kalifornien ab 2035 aus.

Dass der Wandel in vollem Gange ist, zeigte sich am Wochenende auf der "Auto China 2020" in Peking, der ersten großen internationalen Automesse seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Elektroautos waren die Stars der Messe in China, das das Virus weitgehend im Griff hat und mit seiner wirtschaftlichen Erholung zum "Rettungsanker" für die Autobauer geworden ist. In fünf Jahren soll in China ein Viertel der verkauften Autos elektrisch fahren - rund vier Millionen im Jahr.

Auch in Deutschland wird der Ruf nach einer Wende immer lauter. "Kalifornien hat es vorgemacht", sagte UBA-Chef Messner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Ein Verbot von Neuzulassungen für Diesel und Benziner ab 2035 halte ich für eine gute Idee." Ähnlich äußerte sich CSU-Chef Markus Söder und nannte 2035 ein "sehr gutes Datum", um wie in Kalifornien nur noch emissionsfreie Autos zuzulassen. "Ich bin sehr dafür, dass wir uns ein Enddatum setzen", sagte am Samstag auf dem Parteitag seiner Partei.

Doch wo stehen die deutschen Autobauer? Auf dem größten Markt für E-Fahrzeuge der Welt in China können sie bisher nicht wirklich mithalten, bemängelten Kritiker auf der Automesse in Peking. "Was Elektromobilität angeht, muss man sagen, fahren sie fast gar nicht mit", sagte der deutsche Unternehmensberater Peter Hage von der Districom Group. Insgesamt hätten deutsche Hersteller in China "bisher sehr wenige Modelle wirklich im Vertrieb".

Dabei genössen sie in China hohes Ansehen. "Sie könnten mit ihrer Marke viel stärker ins Geschäft kommen, haben bisher aber nicht die Produkte", sagte der Berater, der seit 16 Jahren in der Autoindustrie in China tätig ist. "Je länger diese Situation vorhält, umso stärker ist es möglich für andere Anbieter, besonders Tesla, dieses Feld zu besetzen", sagte Hage. "Das Fenster wird immer kleiner."

"Der Leitmarkt der Elektromobilität ist China - und zwar mit deutlichem Abstand", sagte auch der Experte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM). "Man muss sehr aufpassen, da nicht abgehängt zu werden." Chinas Regierung tue viel. Es gebe Anreize für Käufer. Viele Metropolen beschränkten Benziner. Ladestationen würden ausgebaut. Chinesen seien offener für technische Innovationen. "Schon allein wegen China mussten deutsche Autobauer die E-Mobilität viel höher auf ihre Agenda setzen, weil der Druck enorm stark ist."

BMW-China-Chef Jochen Goller empfindet die Kritik als "zu harsch". Auf die warnenden Stimmen, dass die richtigen Produkte fehlten, sagte der Manager gleichwohl: "Bis heute mögen sie vielleicht recht gehabt haben." Doch habe sich die Nachfrage erst entwickelt. "Zum ersten Mal sehen wir, dass es einen Markt gibt", sagte Goller. BMW biete deswegen jetzt auch jedes seiner neuen Modelle nicht nur als Benziner, sondern auch elektrisch an. Diese Woche startet in China die Produktion des elektrischen Stadtgeländewagens iX3, den BMW wie auch das Konzeptauto i4 auf der Messe erstmals präsentierte.

Da China das Virus mit strengen Maßnahmen unter Kontrolle gebracht hat und kaum noch lokale Infektionen zählt, konnte die im Frühjahr verschobene Messe nachgeholt werden. In den Hallen drängten sich die Besucher, obwohl die Veranstalter dazu aufforderten, einen Meter Abstand zu halten. Auch galt Maskenpflicht. Da China aus Angst vor einer Einschleppung des Virus die Einreise streng begrenzt und 14 Tage Quarantäne verlangt, fehlten die Chefs der Autokonzerne und andere internationale Besucher.

Während das globale Geschäft in der Corona-Krise schwer eingebrochen ist, ist die Erholung auf dem weltgrößten Automarkt in China ein "Stützpfeiler" für die Autobauer. Bis Jahresende rechnet Cui Dongshu von Chinas Personenwagenvereinigung (CPCA) mit "sehr gutem Absatz". Nach dem Einbruch wegen der Pandemie in der ersten Hälfte des Jahres werde sich der erwartete Rückgang für das Gesamtjahr auf minus fünf bis acht Prozent verkleinern. Nächstes Jahr soll es aber wieder ein gutes Plus geben. Die Vorhersagen reichen von fünf bis acht Prozent.

Eine Sprecherin des Volkswagenkonzerns sah in der Erholung in China einen "Anker" im globalen Autogeschäft. "Ohne China wäre die deutsche Autoindustrie kaum wiederzuerkennen", sagte Ferdinand Dudenhöffer vom Center for Automotive Research (CAR). Mercedes habe im zweiten Quartal einen Rückgang weltweit von 20 Prozent erlitten, aber in China 22 Prozent mehr verkauft. Der Anteil Chinas am globalen Geschäft wächst - beim VW-Konzern in diesem Jahr auf 40 Prozent.

Eine starke Abhängigkeit sei immer ein Risiko, sagte Dudenhöffer. "Die Frage ist aber, welches Risiko ist größer: Die Abhängigkeit von China oder in China zum Nischenanbieter zu werden?" Risiken in China könnten "handhabbar" gemacht werden. Ein viel größeres Risiko seien die unberechenbaren USA unter US-Präsident Donald Trump. "Wenn Trump einen schlechten Tag hat und ein paar Wählerstimmen braucht, erhebt er über Nacht Zölle gegenüber der deutschen Autoindustrie." Seine Zollkriege hätten deutsche Autobauern schon Milliarden gekostet.

"Im Moment rettet China so ein bisschen den Weltmarkt", sagte Experte Bratzel. Die wachsende Abhängigkeit sei aber problematisch. "Wenn der Markt ein Problem bekommt und man ist dort weit überproportional aktiv, dann kann man in Turbulenzen geraten", warnte er. "Ein sehr hoher Marktanteil in China bedeutet natürlich auch eine Art Abhängigkeit politischer Dimension bis hin zu Erpressbarkeit."/lw/DP/he


© dpa-AFX 2020
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