Von Stefanie Haxel

FRANKFURT (Dow Jones)--Im weltweiten Chemiehandel wird es nach Einschätzung von Brenntag-Chef Christian Kohlpaintner zu einer verstärkten Dynamik bei Fusionen und Übernahmen kommen. "Die Industriekonsolidierung nimmt an Geschwindigkeit zu, das zeigt sich auch an den Größenordnungen der umgesetzten Akquisitionen", sagt Kohlpaintner im Gespräch mit Dow Jones Newswires. "Wenn man sich die Top 50 Distributoren anschaut, dann haben sie in kurzer Zeit, ich würde sagen in den letzten sieben, acht Jahren, ihren Marktanteil von 30 Prozent auf fast 40 Prozent erhöht." Das sei so, weil sie "aggressiv akquiriert haben".

Der DAX-Konzern Brenntag ist Weltmarktführer sowohl bei Industriechemikalien als auch in der Spezialchemie. Trotzdem kommt das Essener Unternehmen, das dieser Tage sein 150jähriges Bestehen feiert, nur auf einen Anteil von 5 Prozent an dem rund 290 Milliarden Euro schweren, aber stark fragmentierten Gesamtmarkt. Die Nummer zwei, Univar Solutions aus dem US-Bundesstaat Illinois, bringt es auf etwa 2,8 Prozent.

Obwohl viele Player der Branche in den zurückliegenden Jahren durch Zukäufe deutlich gewachsen sind, reichen die Skaleneffekte nicht, um sich auch für die Hersteller positiv auszuwirken. "Dies ist der Grund, warum nach unserer Einschätzung die Konsolidierung des Markts mit höherer Geschwindigkeit und in größeren Schritten erfolgen wird", sagt Kohlpaintner.

Der Manager will Brenntag als Distributor gleichermaßen für Lieferanten wie Kunden effizienter machen. Das Budget für Zukäufe wurde im vergangenen Herbst auf 400 bis 500 Millionen Euro pro Jahr verdoppelt. Rund 400 potenzielle Übernahmeziele sind ausgemacht. Beide Konzernsparten sollen damit gestärkt werden.

2023 hat Kohlpaintner sein Budget mit acht Übernahmen zwar ausgeschöpft, den größten Fisch an der Angel, Univar, musste er jedoch Anfang vergangenen Jahres wieder aufgeben, nachdem beide Seiten bei ihren Aktionären unter Druck gerieten. Am Markt waren die Akquisitionspläne wegen der damit verbundenen Synergien zwar als durchaus sinnvoll, aber zu teuer bewertet worden.


   Dem Markttrend Rechnung tragen 

Trotzdem will Kohlpaintner größere Übernahmen für die Zukunft nicht ausschließen. Vorrangig nimmt Brenntag aber kleinere Firmen ins Visier, die sich gut integrieren lassen. "Wir fühlen uns mit diesen Bolt-on-Akquisitionen sehr wohl, weil wir das auch einfach sehr gut können", erläutert der CEO. Der promovierte Chemiker führt den Konzern seit Anfang 2020. Brenntag war ihm schon davor lange vertraut - als Geschäftspartner. Die Unternehmen, für die Kohlpaintner bis dato tätig war, waren entweder Lieferanten oder Kunden bei Brenntag. Als Vorstandschef leitete der Manager mitten in der Corona-Krise eine Transformation des Unternehmens ein: Seit Anfang 2021 wird es in zwei global tätigen Geschäftsbereichen geführt: Essentials und Specialties.

Brenntag trägt damit einem zweiten Marktrend neben der Konsolidierung Rechnung. Immer Kunden und Lieferanten lassen sich inzwischen entweder der Industriechemie oder den Spezialitäten zuordnen. Damit haben sich auch ihre Bedürfnisse geändert. Beide Märkte wachsen mit unterschiedlichem Tempo. Der Markt für Industriechemikalien legt laut Daten der Boston Consulting Group jährlich zwischen 2 und 4 Prozent zu, der für Spezialitäten um 3 bis 5 Prozent.

"Mehr als 80 Prozent unserer Kunden kaufen ausschließlich bei einer unserer beiden Divisionen. Weniger als 20 Prozent nutzen tatsächlich Produkte und Services beider Geschäftsbereiche", sagt der CEO. "Andere Unternehmen in der Branche gehen diesen Weg nun auch, wenn sie sich nicht sowieso nur in einem der beiden Bereiche aufgestellt hatten." Brenntag ist noch dabei, seine beiden Geschäftsbereiche operativ und rechtlich zu entflechten und mehr und mehr unabhängig aufzustellen.

"Ob das jetzt in einer Aufspaltung endet oder nicht, das kann ich Ihnen heute nicht sagen. Ich weiß es nicht", sagt Kohlpaintner. "Aber wir möchten die Zeit haben, alles sauber zu entwickeln." Eine Aufspaltung sei am Ende nur eine mögliche Variante. "Es ist meine Aufgabe als CEO, Optionen zu schaffen, die wir dann ausspielen können, wenn sie passen, und wir uns über die Konsequenzen bewusst sind."

Die aktivistischen Investoren Engine Capital und Primestone hatten im vergangenen Jahr zu einer Aufspaltung gedrängt. Offene Briefe an den Konzern schlugen hohe Wellen. Auf der Hauptversammlung 2023 waren sie gar mit eigenen Kandidaten für den Aufsichtsrat angerückt. Inzwischen haben beide ihre Anteile nach Konzernangaben jedoch reduziert. Kohlpaintner sagte, im Grund habe der Streit sich darum gedreht, in welchem Tempo und welcher Abfolge die Umbauschritte erfolgen sollten. "Bei der Analyse der Situation und der Benennung der zu bearbeitenden Themen waren die Einschätzungen nicht grundsätzlich verschieden."

Ziel sei es, nachhaltig Wert für die Aktionäre zu schaffen. "Wir denken vom Markt aus", sagt Kohlpaintner. Brenntag setze nicht auf "kurzfristige und kurzsichtige Gewinnmaximierung." Dieser Ansatz führe letztlich auch zu Wertschaffung für die Aktionäre, was sich auch im Anstieg des Marktwertes des Konzerns zeige. Der ist seit Kohlpaintners Antritt um fast zwei Drittel gestiegen. Das Unternehmen hat sich in seiner Geschichte bereits enorm gewandelt. Der heute weltweit tätige Konzern hat seine Wurzeln in einem 1874 in Berlin gegründeten Eiergroßhandel. Drei Jahre später wurde nach London expandiert und 1912 der Handel mit Chemikalien begonnen.

An der Börse ist Brenntag erst seit 2010, seit dem Herbst 2021 gehört die Aktie dem auf 40 Werte erweiterten Deutschen Leitindex DAX an. Heute hat Brenntag einen Marktwert von 12,4 Milliarden Euro und zu jedem Zeitpunkt etwa 1.000 Container auf dem Wasser, die von China aus in Richtung Südostasien, Europa und Nordamerika fahren. 2022 erwirtschaftete Brenntag einen 2022 Rohertrag von 4,3 Milliarden Euro, das waren über 50 Prozent mehr als drei Jahre zuvor. Die Geschäftszahlen für 2023 legt Brenntag am 7. März vor.

Kontakt zur Autorin: stefanie.haxel@wsj.com

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February 27, 2024 06:07 ET (11:07 GMT)