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HINTERGRUND-Uhrenfirmen entdecken Graumarkt als notwendiges Übel

20.04.2017 | 08:07
An Omega Speedmaster Master Chronometre Chronograph Moonphase watch is displayed at the Baselworld watch and jewellery fair in Basel

- von Silke Koltrowitz

Oder eine Omega Speedmaster Moonphase für weniger als 10.000 Dollar? Wer könnte dazu schon Nein sagen? Immer mehr Kunden sind es leid, zu viel für einen prestigeträchtigen Zeitmesser am Handgelenk zu bezahlen und decken sich auf dem Graumarkt ein. Während Uhrenliebhaber ein Schnäppchen machen können, bietet der Graumarkt für Händler eine gute Gelegenheit, überschüssige Ware los zu werden. Die erfolgsverwöhnte Uhrenindustrie stellt dies vor ein wachsendes Problem. Uhrenmanager Jean-Claude Biver bezeichnet den Graumarkt sogar als "Krebsgeschwür der Industrie". Doch hinter den Kulissen arbeiten immer mehr Hersteller mit den Händlern zusammen.

Die Firmen sind in der Zwickmühle. Seit bald zwei Jahren sinkt der Absatz, weil das Geschäft mit Touristen vom chinesischen Festland in Hong Kong und Europa schwächelt. Dies hat zu hohen Lagerbeständen geführt, denn die Hersteller können nur mit einer gewissen Verzögerung auf eine schleppende Nachfrage reagieren. Mechanische Uhren werden in einem langwierigen Prozess aus oftmals hunderten von Teilen zusammengesetzt, sodass die Produktionspläne in der Regel zwei Jahre im voraus gemacht werden.

Aber selbst bei einer Flaute untersagen die Hersteller den offiziellen Händlern an den teuren Einkaufsstrassen, die Preise zu stark zu senken. Sie fürchten, dass hohe Rabatte dem sorgsam gepflegten Markenimage Schaden zufügen könnten. Biver, Chef der Uhrensparte des weltgrößten Luxusgüterherstellers LVMH, sagte, der Graumarkt sei für Luxusgüter besonders schädlich, weil die zu niedrigen Preise die Aura von Prestige zerstörten, die das Produkt für den Kunden überhaupt erst begehrenswert machten. "Das bedeutet den langsamen Tod von Luxusgütern."

KEIN SCHLECHTES GEWISSEN

Für Händler ist der Graumarkt, auf dem Original-Uhren legal an den Mann gebracht werden, jedoch ein wichtiger Vertriebsweg. Vor allem im Fernen Osten, aber auch in den USA sitzen viele Händler auf unverkaufter Ware, deren Wert schnell in die Zehntausende Franken gehen kann. "Viele Einzelhändler haben eine Marge von 45 Prozent und wenn ein Laden Geld braucht, kann man Preisnachlässe in dieser Größenordnung beobachten", sagte Jean-Christophe Babin, Chef des zu LVMH gehörenden Luxuslabels Bulgari.

Viele Hersteller haben allerdings im Stillen begonnen, mit den Händlern zusammenzuarbeiten, auch um sich einen gewissen Einfluss auf diesen parallelen Vertriebskanal zu sichern, wie mehrere Industrieexperten sagen. "Es gibt viele Quellen für Graumarkt-Uhren", erklärt ein Manager. "Offizielle Einzelhändler, die schlecht laufende Modelle loswerden wollen, Vertriebsgesellschaften in einzelnen Ländern und manchmal auch die Marken selbst."

Auf mehrheitlich in den USA angesiedelten Online-Plattformen wie Jomashop.com oder Prestigetime.com finden Interessenten edle Uhren von Audemars Piguet bis Zenith zu Preisen, die in der Regel 20 bis 30, in extremen Fällen auch bis zu 70 Prozent unter den regulären Preisen liegen können. Saifullah Kazmi aus Karachi kaufte auf Jomashop.com eine TAG Heuer Carrera fast zur Hälfte des Listenpreises. Weil keine Werksgarantie vorlag, hatte der Pakistani zuerst Zweifel an der Echtheit. Doch der hohe Abschlag überwog und er überwies das Geld. Die Uhr erwies sich als echt.

Offizielle Statistiken über den Graumarkt gibt es zwar nicht. Aber seine Bedeutung hat Insidern zufolge in den vergangenen Jahren zugenommen. Wichtige Absatzmärkte seien neben Hong Kong und Japan zunehmend auch die USA, da der starke Dollar es Graumarkthändlern leicht mache, die Uhren in Europa günstiger einzukaufen. Aber auch deutsche Firmen wie Chrono24.com oder die Internet-Händler Amazon oder Ebay sind groß im Geschäft.

Ein schlechtes Gewissen plagt die Graumarkthändler dabei nicht. "Bei jedem Zeitmesser, den wir verkaufen, streicht der Hersteller den Löwenanteil am Gewinn ein," sagt Darryl Randall, Besitzer der amerikanischen SwissLuxury.com, die in guten Jahren auf einen Umsatz von rund zehn Millionen Dollar kommt.

Nicht alle Uhrenmarken gehen gleich an das Graumarkt-Problem heran. "Audemars Piguet oder Patek Philippe halten die Preise weltweit auf dem gleichen Niveau, so dass es nicht attraktiver ist, Uhren im Ausland zu kaufen", sagte ein Graumarkthändler aus den USA mit fast 20 Jahren Erfahrung, der ungenannt bleiben will. Ihre Produkte seien auf dem Graumarkt auch nur schwer zu finden. Dagegen seien Jaeger-LeCoultre und Vacheron Constantin des Genfer Luxusgüterkonzerns Richemont oder Omega von Swatch leicht erhältlich. Dies liege daran, dass Audemars und Patek im Gegensatz zu Omega und Jaeger nur limitierte Mengen produzieren würden. Sie hielten den Graumarkt zudem besser in Schach als die Großhersteller, weil sie Preise, Produktion und Verteilung rascher anpassen könnten.


© Reuters 2017
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