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Lieber verbrennen? Hohe Brexit-Zölle belasten Warenhandel mit EU

22.01.2021 | 14:41

LONDON (dpa-AFX) - Ein Schnäppchen glaubte Ellie Huddleston bei der Suche nach Kleidungsstücken im Internet gemacht zu haben. Blusen für 80 Pfund, einen Mantel für 200 Pfund - doch der Brexit hat der Londonerin einen Strich durch die Rechnung gemacht. Denn die neuen Sachen hatte die 26-Jährige in der EU bestellt. Deshalb sollte sie insgesamt 140 Pfund (157 Euro) zusätzlich für Zoll, Mehrwertsteuer und andere Gebühren zahlen. Zu viel, entschied Huddleston und lehnte die Lieferung ab, wie die BBC berichtete.

Wie der jungen Frau geht es derzeit einigen Shoppern - und auch Unternehmen. Denn seitdem Großbritannien nicht mehr dem EU-Binnenmarkt angehört, werden zusätzliche Zölle fällig und viel Bürokratie. Das haben bereits schottische Fischer bemerkt, deren Lieferungen tagelang im Stau standen, tonnenweise verrotteten Fische und Meeresfrüchte. Nun erreichen die Brexit-Folgen auch den Einzelhandel.

So liefern einige EU-Unternehmen bereits nicht mehr nach Großbritannien, auch in die Gegenrichtung haben manche Paketdienstleister und Modeketten ihre Lieferungen teilweise eingestellt. Wie die BBC am Freitag berichtete, nehmen viele britische Textilhändler Retouren aus der EU nicht mehr an. Mehrere Unternehmen hätten Lager in Belgien, Irland und Deutschland eingerichtet, wo die Retouren zunächst gesammelt würden.

"Für Einzelhändler ist es billiger, die Kosten abzuschreiben, als sich zu kümmern", sagte der Chef des Branchenverbandes UK Fashion & Textile Association, Adam Mansell, dem Sender. Es sei günstiger für die Unternehmen, die Ware entweder aufzugeben "oder potenziell zu verbrennen", als sie zurückzunehmen. Dem Bericht zufolge werden fast ein Drittel aller online von EU-Kunden in Großbritannien gekauften Waren zurückgeschickt. Beim Rückversand ins Vereinigte Königreich müssen dann die britischen Unternehmen Zollformulare ausfüllen und Einfuhrzölle begleichen.

"Das ist Teil des Kleingedruckten des Deals", sagte Mansell. Kunden etwa in Deutschland, die Waren aus Großbritannien kaufen, gelten als Importeure. "Dann klopft der Lieferdienst an ihre Tür und übergibt ihnen eine Zollabrechnung, die sie bezahlen müssen, um ihre Waren zu erhalten." Zahlreiche EU-Kunden hätten deshalb Lieferungen aus Großbritannien abgelehnt, berichtete die BBC am Freitag.

"Was den Import aus dem Vereinigten Königreich nach Deutschland betrifft, so kann der Empfang von Sendungen, die Waren aus Großbritannien enthalten, für Empfängerkunden hierzulande teurer werden, wenn Freigrenzen überschritten werden und zum Beispiel Einfuhrumsatzsteuer oder Verbrauchsteuern anfallen", teilte die Deutsche Post DHL auf Anfrage mit. Die Lieferdienste müssen von den Kunden die Gebühren bei der Zustellung erheben - im Fall von Großbritannien gilt das für Sendungen mit einem Warenwert von mehr als 22 Euro. Zahlen, wie viele Sendungen abgelehnt werden, lagen weder DHL noch dem Wettbewerber DPD vor.

Für den britischen Einzelhandel ist es der nächste herbe Rückschlag. Denn wegen der Corona-Pandemie gingen 2020 die Verkäufe trotz eines starken Online-Anstiegs im Vergleich zum Vorjahr um 1,9 Prozent zurück und damit so stark wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen vor rund 25 Jahren. Neben Kaufhäusern und Tankstellen waren vor allem Bekleidungsgeschäfte stark betroffen - mit einem Minus von rund einem Viertel (25,1 Prozent), wie das Statistikamt am Freitag mitteilte. "Da die Geschäfte auf absehbare Zeit immer noch geschlossen sind und die Geschäfte Umsatzverluste in Milliardenhöhe kosten, kämpfen viele Einzelhändler ums Überleben", sagte die Chefin des Handelsverbands British Retail Consortium, Helen Dickinson.

Die britische Regierung sieht bisher keinen Grund zur Besorgnis. Der BBC teilte sie mit: "Wir haben Unternehmen, die bisher nicht mit Zollanmeldungen zu tun hatten, ermutigt, Spezialisten mit Einfuhr- und Ausfuhrerklärungen zu betrauen." Dafür seien 80 Millionen Pfund an Hilfen bereitgestellt worden. Premierminister Boris Johnson hatte zuletzt von "Kinderkrankheiten" im Handel infolge des Brexits gesprochen.

Regierungsvertreter betonten, der Handel laufe problemlos. Täglich würden zwar bis zu 200 Lastwagen am Ärmelkanal abgewiesen, teils wegen fehlerhafter Unterlagen, teils weil die Fahrer keinen negativen Corona-Test vorweisen können, der für die Einreise nach Frankreich vorgeschrieben ist. Aber das seien deutlich weniger als befürchtet, sagte kürzlich die Top-Beamtin Emma Churchill einem Parlamentsausschuss.

Doch nicht nur die britischen Händler haben Probleme im Handel mit Europa. Umgekehrt haben auch die deutschen Modehersteller und Händler Schwierigkeiten mit der Belieferung von Kunden in Großbritannien. Der westfälische Modehersteller Gerry Weber etwa hat seinen Online-Shop in England vorübergehend geschlossen und den Versand nach UK eingestellt, bis eine Lösung für die Brexit-Probleme gefunden sei. Einige andere Anbieter hätten Zwischenlager in England eingerichtet, berichtete der für den E-Commerce verantwortliche Gerry Weber-Manager Aljoscha Kollmeyer. Doch rechtfertige der Umsatz von Gerry Weber in UK einen solchen Aufwand nicht.

Der Versandhändler Otto berichtete, er habe in Vorbereitung auf den Brexit und die vorhersehbaren Schwierigkeiten bereits wichtige Warengruppen in UK bevorratet. Doch liefere das Unternehmen auch weiterhin direkt Ware aus Deutschland auf die Insel und profitiere dabei von dem Know-How des zur Otto-Gruppe gehörenden Versenders Hermes. Durch die Verzollung der Ware entstünden dem Unternehmen aber auf jeden Fall höhere Kosten./bvi/DP/nas


© dpa-AFX 2021
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