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HINTERGRUND/Auto-Chipengpässe verschärfen sich voraussichtlich

30.04.2021 | 10:23

Von William Boston

BERLIN (Dow Jones)--Die eigentlich auf eine im Frühjahr abklingende Chip-Knappheit hoffenden globalen Autohersteller rücken nunmehr von ihren Prognosen ab. Sie erwarten ein Andauern der Chip-Lieferengpässe auf Monate hinaus und selbst eine Erholung in der zweiten Jahreshälfte sei ungewiss.

Die Hauptursachen für die sich verschlimmernde Knappheit sind die weit verbreitete Unterbrechung der Chip-Produktion in Texas durch das Unwetter im Februar und ein Feuer bei der japanischen Renesas Mitte März, der die Produktion stoppte und ein Loch in die weltweite Versorgung riss. Dadurch suchen die Autohersteller händeringend nach Chips, die für die Bordelektronik, Sicherheitssysteme sowie automatische Bremsen und Infotainment-Konsolen benötigt werden.

Die Störungen in Texas und Japan haben eine Knappheit verschärft, die im vergangenen Jahr begann. Damals beschleunigten trotz der starken Nachfrage der Unterhaltungselektronik-Branche die Autohersteller nicht rechtzeitig ihre Chipbestellungen, um mit dem stärker als erwarteten Wiederanstieg der Autoverkäufe nach den Corona-Schließungen Schritt zu halten. Die Autohersteller mussten die Produktion stoppen oder zurückfahren und Chips für die bestverkauften Modelle rationieren.

"Die Halbleiterknappheit und die Auswirkungen auf die Produktion werden schlimmer werden, bevor sie besser werden", räumt Ford-Chef Jim Farley ein. "Unser zweites Quartal wird die Talsohle für dieses Jahr sein." Da die Autohersteller nun mit einer langsameren Erholung der Chipversorgung rechnen als ursprünglich erwartet, müssen sie neue Hilfsmaßnahmen ergreifen.

VW, Europas Nummer eins, muss im Mai für rund zwei Wochen die Produktion des Jetta in seinem Werk in Mexiko einstellen. Die Produktion des Modells Tiguan wird für rund eine Woche unterbrochen. Dagegen ist die Produktion des neuen Modells Taos, das im Juni in den USA auf den Markt kommt, nach Angaben des Unternehmens nicht betroffen. VW hatte bereits chipbedingte Abschaltungen in Werken in Emden und Bratislava, wo ein VW-Werk Modelle für die Marken VW, Audi, Seat und Skoda herstellt.

"Wir sind einigermaßen gut durch das erste Quartal gekommen", betont ein Sprecher des Wolfsburger Konzerns. "Das zweite Quartal wird wegen Texas und der abgebrannten Renesas-Fabrik anspruchsvoller sein. Wir werden die Ergebnisse daraus im zweiten Quartal sehen." Als Reaktion auf die neuen Chip-Engpässe hat die Daimler-Autosparte Mercedes-Benz derweil die Arbeitszeiten von bis zu 18.500 Mitarbeitern verkürzt und die Produktion in zwei Werken in Deutschland vorübergehend gestoppt.

In den USA erwartet Ford nunmehr, dass die Chip-Knappheit den bereinigten Vorsteuergewinn in diesem Jahr um 2,5 Milliarden Dollar schmälern werde, was im oberen Bereich der im Februar abgegebenen Schätzung von 1 bis 2,5 Milliarden Dollar liegt. Laut dem Unternehmen zwingt der Mangel an Halbleitern es dazu, die Produktion im zweiten Quartal um die Hälfte zu reduzieren, aber es erwartet, dass sich die Situation nach Juni verbessern wird.

Ford-Chef Farley sagte, dass Renesas etwa zwei Drittel aller Chips liefere, die von der Autoindustrie verwendet werden. Das Feuer hat die Versorgung von neun Zulieferern beeinträchtigt, die von Renesas beziehen und Ford mit Chips beliefern, so Farley. Die vollständige Erholung der Halbleiter-Lieferkette für die Automobilhersteller könne sich bis 2022 hinziehen.

Während Führungskräfte aus der Automobilindustrie betonen, dass das Schlimmste der Chipkrise in der ersten Jahreshälfte wohl vorbei sein wird, scheinen sie auch unsicher zu sein, wie schnell sich die Chipversorgung in der zweiten Jahreshälfte erholt. Die Finanzchefin von Renault, Clotilde Delbos, sagte zuletzt, dass ihrer Meinung nach die Chip-Knappheit in der ersten Jahreshälfte ihren Höhepunkt erreicht. Es bleibe aber weiterhin schwierig, eine Erholung vorherzusagen, da die Informationen über die Verfügbarkeit von Chip-Lieferanten nur punktuell seien und diese nur Informationen über die Versorgung auf mehrere Wochen hinaus geben können.

"Wir fangen gerade erst an, von unseren Lieferanten eine detaillierte Rückmeldung über die Auswirkungen des Renesas-Brandes, der vor einem Monat stattfand, zu bekommen, und zwar Komponente für Komponente, die wir zuordnen müssen", sagte sie. "Wir versuchen, intelligente Wege zu finden, um die Autos mit der höheren Marge zu priorisieren." Tesla sagte seinen Investoren zuletzt, dass das Unternehmen die Chip-Krise gut überstanden habe, da man "extrem schnell auf neue Mikrocontroller umgestellt" habe, also auf Computerchips, die bestimmte Aufgaben erfüllen. Ein Mangel an Mikrocontrollern war die Hauptursache für die Chip-Krise im vergangenen Jahr.

Dennoch spricht auch Tesla-Chef Elon Musk davon, dass das vergangene Quartal "einige der schwierigsten Herausforderungen in der Lieferkette hatte, die wir je erlebt haben" und fügte hinzu, dass einige der Auswirkungen noch im dritten Quartal zu spüren sein werden. Daimler-Finanzchef Harald Wilhelm betonte zuletzt, dass er bis zum Brand bei Renesas und den wetterbedingten Ausfällen in Texas erwartet habe, dass die Chip-Knappheit nach dem ersten Quartal abklinge. Nunmehr rechnet er mit einer Erholung nicht bis Ende des Jahres. "Das bedeutet, dass die Produktion und der Verkauf im zweiten Quartal noch stärker beeinträchtigt werden könnten als im ersten Quartal", sagte er.

Andere europäische Hersteller, darunter Jaguar Land Rover und die französische Renault, haben sich über Produktions- und Umsatzeinbußen infolge des Chipmangels beklagt, und viele haben die Produktion in einigen Werken verlangsamt oder gestoppt. Einige Unternehmen geben der Produktion von profitableren Modellen Vorrang und fuhren dagegen die Fertigung anderer zurück, bis sich die Chipversorgung stabilisiert hat. Stellantis, der französisch-italienisch-amerikanische Autohersteller, zu dessen Marken Fiat, Chrysler und Peugeot gehören, kehrt in einigen Modellen zu analogen Tachometern zurück und ersetzt damit die chiphungrigen digitalen Bordinstrumente.

(Mitarbeit: Mike Colias und Rebecca Elliott)

Kontakt zum Autor: unternehmen.de@dowjones.com

DJG/DJN/axw/jhe

(END) Dow Jones Newswires

April 30, 2021 04:22 ET (08:22 GMT)

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