Von Andrea Thomas

BERLIN (Dow Jones)--Die deutsche Konjunktur kann sich nach Einschätzung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) langsam aus ihrer Schwächephase lösen und dürfte in diesem Jahr um 0,1 Prozent wachsen. Konjunkturmotor wird demnach der privaten Konsums sein. Für das kommende Jahr erwartet das gewerkschaftsnahe Institut einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahresdurchschnitt um 0,9 Prozent. Damit erhöhte das IMK seine Prognose vom März, als es mit einem Rückgang des BIP um 0,3 Prozent in diesem Jahr und mit einem Wachstum von 0,8 Prozent 2025 gerechnet hatte.

Für den positiveren Ausblick führte das Institut in erster Linie technische Gründe an. Das BIP sei im ersten Quartal 2024 höher ausgefallen als erwartet. Außerdem habe das Statistische Bundesamt den BIP-Verlauf für das vergangene Jahr nach oben revidiert.

Ein weiterer Grund für den positiveren Ausblick ist laut IMK die leichte Verbesserung der Rahmenbedingungen insgesamt, wie etwa die Zunahme des Welthandels und die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

"Positive Impulse für die Wirtschaftsentwicklung kommen vor allem vom privaten Konsum als Folge von gesunkener Inflation und höheren Lohnabschlüssen", erklärte das Institut. Damit dürfte der private Verbrauch sich als "Motor der Konjunktur" erweisen. Ab der zweiten Jahreshälfte werden laut den Erwartungen des IMK auch die Exporte und die Ausrüstungsinvestitionen anziehen.


   Privater Konsum zieht an 

Die Bruttolöhne und -gehälter dürften laut Prognose dank leicht steigender Beschäftigung und dynamischer Lohnzuwächse in diesem Jahr nominal um 5,2 Prozent und im nächsten Jahr um 3,7 Prozent zunehmen. Allerdings werde es noch einige Monate dauern, bis die privaten Konsumenten das "Vorsichtsprinzip" ablegen, das sich viele in der Phase hoher Inflation angewöhnt hätten, so das IMK. Infolgedessen werde die Sparquote zunächst noch leicht steigen, dann wieder sinken. Der reale private Konsum wird 2024 um 0,7 Prozent und 2025 um 1,9 Prozent steigen und damit gesamtwirtschaftlich jeweils den "maßgeblichen Wachstumsbeitrag" liefern, so die Prognose.

Der Welthandel dürfte laut IMK in diesem Jahr um 3 Prozent zunehmen, im nächsten Jahr um 3,5 Prozent. Im Jahresdurchschnitt 2024 werden laut IMK die deutschen Exporte noch minimal um 0,2 Prozent, 2025 legen sie dann um 2,9 Prozent zu. Die Importe sinken in diesem Jahr um durchschnittlich 1,1 Prozent, im kommenden Jahr steigen sie um 4,0 Prozent.

Die EZB werde ihren Kurs der Zinssenkungen fortsetzen und den EZB-Einlagenzins bis Ende des Jahres auf 3 Prozent senken. Für 2024 rechnet das IMK mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,4 Prozent und für 2025 von 2,0 Prozent.

Gleichzeitig sei aber mit einer merklich restriktiveren Finanzpolitik des deutschen Staates zu rechnen, weil unter anderem Maßnahmen zur Abfederung der Energiekrise ausliefen. Die gesamtstaatlichen Einnahmen nehmen 2024 um 3,9 Prozent und 2025 um 4,6 Prozent zu, die Ausgaben um 3,7 und 2,7 Prozent.

Als mögliche Risiken für die verhalten positive Entwicklung nennt das IMK weitere Eskalationen der Kriege in der Ukraine und Nahost sowie Handelskonflikte zwischen den USA, China und dem Euroraum. Allerdings könnte es aber auch besser als erwartet laufen - wenn es zwischen Russland und der Ukraine oder Israel und der Hamas zu Verhandlungslösungen kommen sollte.

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June 19, 2024 03:30 ET (07:30 GMT)