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Zwei Jahre Corona in Deutschland - Mehr als 200 000 Neuinfektionen

27.01.2022 | 18:02

(mit Lauterbach, 2./5. Abs.)

BERLIN (dpa-AFX) - Genau zwei Jahre nach dem ersten bestätigten Fall in Deutschland ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen auf beispiellose Höhen geschnellt. Die Gesundheitsämter meldeten erstmals mehr als 200 000 neue Fälle an einem Tag, wie das Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag bekannt gab. Die Sieben-Tage-Inzidenz durchbrach die Schwelle von 1000. Wegen der rasanten Ausbreitung der Virusvariante Omikron stellen sich Kliniken auf zahlreiche neue Patienten ein - auch wenn Krankheitsverläufe mit Omikron meist eher milder ausfallen. Mindestens 43 Millionen Menschen oder 51,7 Prozent der Bevölkerung haben inzwischen Auffrischungsimpfungen ("Booster") bekommen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ/Freitag): "Pandemien kontrolliert man nicht, man minimiert nur die Folgen. Und das ist uns bei der Omikron-Welle bisher ganz gut gelungen." Er verwies auf Auflagen, Kontaktbeschränkungen und Tests. "Alles ist darauf zugeschnitten, dass man die Zahl der Fälle so entschleunigt, dass die Krankenhäuser nicht zu viele Patienten auf den Intensivstationen versorgen müssen." Der SPD-Politiker bekräftigte, dass wohl Mitte Februar die höchsten Zahlen mit bis zu 400 000 Ansteckungen pro Tag zu erwarten seien.

Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner stieg nun laut RKI auf den Rekordwert von 1017,4 - nach 940,6 am Vortag und 638,8 vor einer Woche. Im Länder-Vergleich reicht die Spanne von 371,8 in Thüringen bis 1863,2 in Berlin. Bundesweit wurden binnen eines Tages 203 136 neue Fälle gemeldet.

Am 27. Januar 2020 war das Coronavirus bei einem Mann aus Bayern hierzulande erstmals bestätigt worden. Seitdem wurden mehr als neun Millionen Infektionen registriert, mehr als 117 000 Menschen starben an oder unter Beteiligung einer Infektion. Seit Ende 2020 werden Impfungen angeboten. Inzwischen haben mindestens 61,3 Millionen Menschen oder 73,7 Prozent der Bevölkerung einen vollständigen Grundschutz mit der dafür meist nötigen zweiten Spritze. Mindestens eine erste Impfung haben 62,9 Millionen Menschen (75,6 Prozent).

Lauterbach stellte Vorschläge in Aussicht, um bald schneller an Daten zu Klinik-Einweisungen zu kommen. "Wenn die Infektionszahlen nur langsam steigen, spielt der Verzug keine so große Rolle", sagte er der "FAZ". Wenn die Zahl sich innerhalb von einer Woche verdoppele wie jetzt bei Omikron, "dann sind sieben Tage eine Ewigkeit".

Der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, sagte im ZDF, man werde "in den kommenden Tagen und wahrscheinlich Wochen eine hohe Dynamik neuer Zugänge in die Krankenhäuser erleben". Dazu komme, dass Personal wegen eigener Ansteckungen ausfalle. Gerechnet wird nun auch mit größerer Belastung von Normalstationen. Der Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, sagte, auf Intensivstationen sehe man eher eine Seitwärtsbewegung. Auf individueller Ebene mache Omikron wahrscheinlich weniger krank. "Das heißt, wir haben auch mehr Patienten auf den Intensivstationen, die sich nicht mit einem ganz schweren Lungenversagen vorstellen."

Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Donnerstag): "Je stärker die Inzidenzen steigen, desto mehr Praxen werden auch vorübergehend krankheitsbedingt schließen müssen."

Nach der Orientierungsdebatte im Bundestag über die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht wird weiter über eine mögliche Umsetzung diskutiert. Aus Sicht des Deutschen Städte- und Gemeindebunds ist eine Datenbasis dafür nötig. "Der einfachste und beste Weg, dieses Ziel zu erreichen, ist ein nationales Impfregister, in dem die Informationen zum Corona-Impfstatus und zu weiteren Impfungen gespeichert werden", sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Donnerstag).

Lauterbach hielt dem im ZDF entgegen, Kontrollen von Impfnachweisen könnten prinzipiell etwa auch am Arbeitsplatz, beim Nutzen bestimmter Verkehrsmittel oder auch bei Arztbesuchen erbracht werden. Es könnte auch einfach sporadische Kontrollen geben wie in Österreich.

Bei den reinen Fallzahlen gehen Fachleute von einer hohen und weiter steigenden Untererfassung aus. Das heißt, immer mehr Infizierte tauchen nicht in der Statistik auf, etwa weil maßgebliche PCR-Tests knapp und Gesundheitsämter vielerorts am Limit sind. "Die zunehmende Untererfassung bedeutet aber nicht, dass die Inzidenz unwichtig wird", sagte der Amtsarzt von Berlin-Neukölln, Nicolai Savaskan. Es bleibe ein wichtiger Indikator, aus dem abgeleitet werden könne, was bevorsteht: etwa in Hinblick auf Krankenhauseinweisungen. Auch fürs Planen von Maßnahmen bleibe der Blick auf die Inzidenz relevant.

Bisher grassiert das Virus den RKI-Daten zufolge besonders stark in den Altersgruppen unter 35 Jahren. Bei Kindern und Jugendlichen im Alter von fünf bis 14 liegt die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz bei knapp 2600. Dass Menschen ab 60 Jahren bisher weniger als 300 Ansteckungen pro 100 000 Einwohner und Woche aufweisen, könnte zu einem gewissen Grad auch mit der Testhäufigkeit zusammenhängen. Insbesondere geimpfte Erwachsene werden seltener getestet als etwa Schüler. Experten rechneten aber mit einem Anstieg auch bei Älteren./sam/ggr/shy/DP/he


© dpa-AFX 2022
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