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Gehäufte Impfdurchbrüche bei Johnson & Johnson - was steckt dahinter?

17.09.2021 | 12:33

BERLIN/PARIS (awp international) - Geimpft und trotzdem an Corona erkrankt? Das ist zwar selten, trotzdem kommt es vor. Auffällig hoch ist die Zahl sogenannter Impfdurchbrüche beim Impfstoff von Johnson & Johnson - nicht nur hierzulande. Dem aktuellen Wochenbericht des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge wurden bislang 39 228 wahrscheinliche Impfdurchbrüche festgestellt - relativ betrachtet am häufigsten nach einer Impfung mit dem Johnson-&-Johnson-Vakzin. Immer lauter wird die Kritik: Ist das Mittel, vor allem auch gegen die dominante Delta-Variante, weniger wirksam?

Bislang erkrankten dem Wochenbericht zufolge in 6106 Fällen Menschen trotz vollständigem Impfschutz durch das Johnson-&-Johnson-Präparat. Laut RKI haben bislang gut drei Millionen Menschen eine Johnson-&-Johnson-Impfung bekommen. Auf eine Million Geimpfte kämen demnach grob überschlagen 2000 Impfdurchbrüche. Allerdings ist bei dieser Art von Rechnung zu bedenken, dass noch nicht bei allen Geimpften die zwei Wochen vergangenen sind, nach denen von einem vollständigen Impfschutz ausgegangen wird. Zudem ist nicht berücksichtigt, wie lange die Impfung im Einzelfall schon zurückliegt.

Zum Vergleich: Bei Menschen, die als zweite Dosis den am häufigsten in Deutschland verwendeten Impfstoff - Biontech/Pfizer - erhalten haben, wären es diesen Zahlen zufolge rund 675 Durchbrüche pro eine Million vollständig Geimpfte. Bei Astrazeneca sind es rund 830, bei 2. Dosis Moderna sind es rund 400.

Einen wahrscheinlichen Impfdurchbruch definiert das RKI als Corona-Infektion mit klinischer Symptomatik trotz vollständigem Impfschutz. Das Vakzin von J&J ist der einzige bisher in der EU zugelassene Corona-Impfstoff, bei dem es laut EU-Arzneimittelbehörde (EMA) nur eine Dosis braucht. Bei allen anderen Vakzinen sind zwei Spritzen nötig.

Johnson & Johnson ist deshalb in den vergangenen Monaten verstärkt für Menschen genutzt worden, die nur schwer für eine zweite Impfung zu erreichen sind; etwa bei Einsätzen mobiler Impfteams, um Wohnungslose oder Menschen in sozialen Brennpunktvierteln zu immunisieren. In Deutschland ist das Vakzin von der Ständigen Impfkommission (Stiko) nur für Menschen über 60 empfohlen.

Die Impfdurchbrüche erklärt Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie: "Delta ist ansteckender als Alpha und etwa doppelt so ansteckend wie das Ursprungsvirus. Zusätzlich umgeht Delta den Immunschutz der Impfungen etwas. Daher sehen wir mit Delta auch mehr Durchbruchsinfektionen." Dass der Impfstoff von Johnson-&-Johnson hier im Vergleich mit den anderen Präparaten schlechter abschneide, liege vor allem an der Schutzwirkung des Impfstoffs selbst, sagt Watzl der Deutschen Presse-Agentur.

Nach der Impfung mit dem Mittel brauche es länger als nach den mRNA-Impfungen, bis sich ausreichend Antikörper gebildet hätten. "Teilweise steigen die Spiegel mehr als einen Monat nach der Impfung noch an." Man gelte jedoch 14 Tage nach der Impfung als vollständig immunisiert und eine Infektion würde als Durchbruchsinfektion gewertet. "Zu dem Zeitpunkt ist man aber noch nicht vollständig durch die Johnson-&-Johnson-Impfung geschützt. Und die Antikörperspiegel liegen deutlich unterhalb derer, die durch die anderen Impfstoffe erzeugt werden", erklärt Watzl.

Da die Antikörper, gerade auf den Schleimhäuten, für einen Ansteckungsschutz wichtig seien, scheine der Schutz vor einer Corona-Infektion nach der Johnson-&-Johnson-Impfung deutlich schlechter, so der Experte. Reicht die Einmaldosis von Johnson & Johnson also nicht aus? Es sei alles andere als überraschend, dass bei einem solchen Impfstoff eine einmalige Dosis nur einen zeitlich limitierten Schutz auslöse, meint Stiko-Mitglied Christian Bogdan.

Die Impfdurchbrüche seien zum einen auf das Ein-Dosis-Impfschema zurückzuführen - und nur für dieses habe die Firma bislang eine Zulassung, so Bogdan. Zum anderen entwickelten die Über-60-Jährigen, bei denen das Vakzin in Deutschland aufgrund seines Nebenwirkungsprofils primär angewendet werde, wiederum nach Impfungen im Vergleich zu jungen Menschen eine geringere und weniger lang anhaltende Immunantwort. Als dritter Faktor komme dann aber auch noch die hochinfektiöse Delta-Variante hinzu, sagt Bogdan.

Auch beispielsweise in Frankreich gibt es derweil Hinweise dafür, dass der Johnson-&-Johnson-Impfstoff weniger wirksam sein könnte. Krankenhäuser in Marseille und Tours berichteten zuletzt, dass auffallend viele Geimpfte auf der Intensivstation das Präparat von Johnson-&-Johnson erhalten hatten. In Marseille waren es mit Stand Dienstag vier von elf Eingelieferten, in Tours drei von neun.

Insgesamt infizierten sich in Frankreich seit Beginn der Impfungen mit dem Johnson-&-Johnson-Impfstoff Ende April etwa 32 von gut einer Million mit dem Präparat geimpften Menschen mit Covid-19. Frankreichs Medikamentenbehörde spricht in diesem Zusammenhang von "Impfversagen". Die Zahl sei potenziell ein Signal. In den 17 Fällen, bei denen die Virusvariante bekannt ist, hatten sich Menschen mit Delta angesteckt, hiess es in einem Bericht.

Mit Blick auf die aufkeimende Diskussion, ob folglich eine zweite Impfdosis empfohlen oder vorgeschrieben werden müsste, erklärt Stiko-Mitglied Bogdan, dass die Firma aktuelle Studien zur Impfung mit dem Vakzin in einem Zwei-Dosis-Schema durchführe. Publizierte Ergebnisse in begutachteten Fachjournalen lägen aber noch nicht vor.

Dennoch: Immunologe Watzl stellt klar, dass der Johnson-&-Johnson-Impfstoff vor einer schweren Corona-Erkrankung sehr wohl schützt. Eine Sprecherin des Pharma-Riesen Johnson-&-Johnson sagt, dass kein Corona-Impfstoff derzeit Infektionen zu 100 Prozent verhindern könne. "Unser zugelassener Covid-19-Impfstoff als Einmaldosis kann jedoch nachweislich dazu beitragen, das Infektionsrisiko zu verringern und schwere Verläufe zu vermeiden", betont sie. Für die Einmal-Dosis-Impfung wiesen Daten auf eine robuste und langanhaltende Wirkung über einen Zeitraum von bisher gemessenen acht Monaten hin - auch gegen Delta und andere Virus-Varianten.

Eine Sprecherin der EMA betont ebenfalls, dass generell alle in der EU zugelassenen Impfstoffe ein hohes Mass an Schutz gegen das Virus böten. Das Johnson-&-Johnson-Vakzin habe in klinischen Studien einen hervorragenden Schutz vor schweren Erkrankungen gegen die Beta-Variante gezeigt, obwohl der Schutz vor leichten Erkrankungen geringer sei. Um ein endgültiges Urteil über die Wirksamkeit des Impfstoffs auch gegen die Delta-Variante zu fällen, seien die Zahlen der jüngsten Studien aber noch zu gering, wendet sie ein.

In Frankreich empfiehlt die Gesundheitsbehörde mittlerweile nach einer Impfung mit Johnson-&-Johnson eine Auffrischungs-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff. Die vorhandenen Daten könnten die langfristige Wirkung der Einmalimpfung gegen Delta nicht bestätigen.

Laut Watzl haben auch die Gesundheitsminister in Deutschland eine Empfehlung herausgegeben, dass alle mit dem Impfstoff von J&J (und auch Astrazeneca) geimpften Menschen nach sechs Monaten mit einem mRNA-Impfstoff geimpft werden. "Immunologisch macht das absolut Sinn, da wir bereits wissen, dass so eine Kreuzimpfung wunderbar funktioniert und einen sehr guten Schutz gibt", so Watzl. Offiziell angeboten werden diese Auffrischungs-Impfungen aber noch nicht.

Von Seiten der EMA-Sprecherin heisst es dazu: Vor Empfehlung einer Kreuzimpfung bei dem Vakzin müssten noch entsprechende Daten ausgewertet werden. Man erwarte aber, dass sich ein solches als heterolog bezeichnetes Impfschema auch beim Johnson-&-Johnson-Impfstoff als geeignet entpuppen werde./jjk/DP/zb


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